Eine Maschine der belarussischen Fluggesellschaft Belavia | picture alliance/dpa
Reportage

EU-Flugverbot für Belarus Drei Tickets - und doch kein Fortkommen

Stand: 28.05.2021 11:49 Uhr

Das Flugverbot der EU für belarusische Fluggesellschaften trifft viele Bürger des osteuropäischen Staates - denn sie sitzen im Land fest. Trotzdem zeigen viele Verständnis für die Maßnahmen.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau. zzt. Minsk

"Wir leiden sehr, aber irgendjemand musste etwas tun, damit dieses nie Dagewesene endlich aufhört", sagt Frida aus Minsk. Die ältere Dame steht mit Sonnenbrille und medizinischer Maske vor dem Büro der staatlichen belarusischen Fluggesellschaft Belavia in Minsk. Sie wollte mit ihrem Mann nach Kaliningrad reisen - doch der Weg in die russische Exklave führt über den Luftraum Litauens. Und der wurde für Flugzeuge aus Belarus geschlossen.

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

"Weder die EU noch wir tragen Schuld an dieser Situation", sagt sie. "Wer schuld ist, das wissen Sie genau so gut wie ich, aber wenn ich Ihnen das sage, lande ich da, wo alle sind, die die Wahrheit sagen." Sie meint das Gefängnis. 436 politische Gefangene zählt die Menschenrechtsorganisation "Wjasna", mehr als 30.000 Menschen haben seit vergangenem Jahr Strafen im Gefängnis abgesessen. Mehrere Menschen sind im Zusammenhang mit den Protesten gestorben. Die Massenproteste in Belarus aus dem vergangenen Jahr sind verschwunden, die Menschen haben zu viel Angst vor staatlicher Repression.

Wenige scheinen das Regime zu unterstützen

Frida möchte ihre Tickets zurückgeben. Denn dass sie es bald nach Kaliningrad schafft, das glaubt sie derzeit nicht. Auch nicht auf dem Landweg. Das Transitvisum für Litauen könnte sie vielleicht noch bekommen - doch dann stellte sich für sie heraus: Die belarusische Eisenbahn verkauft keine Tickets nach Kaliningrad. Jetzt will sie es über Smolensk in Russland probieren, doch auch auf diesem Weg gibt es Schwierigkeiten.

"Das ist natürlich alles sehr schlecht", sagt sie. Doch für die Maßnahmen der EU zeigt sie dennoch Verständnis - wie viele in Minsk. "Es ist richtig, dass die EU ihre eigenen Bürger vor unserem Regime beschützt", sagt eine andere Frau. Ein breites Einvernehmen ist spürbar: Wenige scheinen hier das Regime von Lukaschenko noch zu unterstützen. Als eine Frau für ihn die Stimme erhebt, weigern sich andere, weiter mit ihr zu reden. Wer heute Lukaschenko unterstützt, legitimiert auch die Polizeigewalt und massive Repression. Das sind immer weniger.

Kurz nach zwölf Uhr mittags, es ist schwül in der Belavia-Schalterhalle in Minsk. Wer drankommen will, muss eine Wartenummer ziehen. Gerade wird die 312 aufgerufen. Etwa 50 Menschen warten hier oder draußen. Manche sind in die Stadt einkaufen gegangen, denn die Wartezeit ist lang. Doch Tumulte gibt es keine, die Menschen bleiben verhältnismäßig gelassen. Sie wissen: An den Schalterbeamtinnen liegt das Chaos nicht.

Die Belarusin Frida in Minsk. | Demian von Osten

Die Belarusin Frida will nach Kaliningrad reisen - unter den den EU-Sanktionen ist das gar nicht so einfach. Bild: Demian von Osten

Drei Tickets gekauft - und doch noch im Land

"Ich muss eigentlich nach Vilnius", erzählt Alexander aus Minsk, Mitte 30. "Doch Vilnius wurde gecancelt. Also habe ich Tickets nach Riga gekauft. Auch gecancelt. Dann Tickets nach Warschau, doch auch der Flug nach Warschau geht nicht." Drei Tickets gekauft - und doch kommt er nicht weg. "Ich fühle mich in Belarus nicht in Sicherheit", sagt Alexander. Ob die EU-Sanktionen richtig seien? "Eine schwierige Frage", sagt Alexander. "Für die Menschen ist es schwierig."

Die Geschichten ähneln sich: Swetlana wollte zu einem Freund in die Ukraine, Nikita arbeitet als Ingenieur in Berlin - er war zum Besuch von Verwandten in Belarus. Am heutigen Freitag sollte sein Flug gehen, doch seit gestern lässt auch Deutschland Flüge von Belavia nicht mehr ins Land. Ob die Sanktionen richtig sind, könne er nicht beurteilen, sagt Nikita. "Es geht sehr schnell. Die EU-Staaten setzen die Sanktionen ja nach und nach um, das macht es nicht angenehm."

Ein Gefühl der Unsicherheit, wie es weitergeht

Es ist eine seltsame Stimmung in Belarus’ Hauptstadt: Die Menschen gehen einkaufen, treffen Freunde, gehen zur Arbeit. Doch über allem liegt ein Gefühl der Unsicherheit, wie es weitergeht. Wie fast jede Woche gab es am Donnerstag wieder einen kleinen Straßenprotest. Etwa 50 Menschen zogen durch ein Wohngebiet der belarusischen Hauptstadt. Doch von großen Straßenprotesten wie im vergangenen Jahr ist Belarus weit entfernt. Zu stark ist die Unterdrückung der Proteste, zu lang die angedrohten Haftstrafen, zu brutal die Gewalt durch Polizei und Geheimdienste, zu groß die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, wenn man bei Protesten festgenommen wird.

Am Schalter von Belavia wird Fridas Wartenummer noch immer nicht aufgerufen. Sie geht deshalb mit ihrem Mann erst einmal in die Stadt. "Wir wollen Freiheit!", sagt sie dem Reporter aus Deutschland noch. Und ergänzt: "Helfen Sie uns!"

Über dieses Thema berichtete das ARD Morgenmagazin am 28. Mai 2021 um 05:43 Uhr.