Vitali Schischow | AP

Aktivist aus Belarus tot "Wir wussten, dass wir gejagt werden"

Stand: 03.08.2021 18:24 Uhr

Einen Tag nach seinem Verschwinden in Kiew ist der belarusische Aktivist Witaly Schischow tot aufgefunden worden. Mitstreiter Schischows vermuten, dass der belarusische Geheimdienst dahinter steckt.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Die Polizei arbeitet mit Hochdruck an dem Fall, der nicht nur in der belarusischen Diaspora für Entsetzen sorgt. Videoaufnahmen von Kameras entlang der Joggingstrecke, von der der Aktivist am Montag nicht zurückkehrte, werden ausgewertet. Mögliche Augenzeugen werden befragt.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Der Chef der Polizei, Ihor Klymenko, erklärte, es werde vor allem in zwei Richtungen ermittelt: "Das sind Selbstmord und als Selbstmord getarnter Mord."

Schürfwunden und Schrammen 

An Schischows Leiche, die am Morgen in einem Park unweit seiner Wohnung gefunden worden war, seien Schürfwunden und Schrammen festgestellt worden: "Hautrisse an der Nase, dem linken Knie und der Brust. Und wenn ich mich nicht irre, dann gab es noch eine kleine Schürfwunde auf dem oberen Teil der Lippe links. Das ist typisch für einen einmaligen Sturz, wie die Experten sagen."

Ob die Verletzungen auch von Schlägen stammen könnten, müssten weitere Untersuchungen zeigen. An Spekulationen über mögliche Hintergründe oder den Tathergang will sich der Polizeichef nicht beteiligen.

Mitstreiter gehen von Mord aus

Dass sich der 26-Jährige selbst erhängt habe, halten seine Freunde und Mitarbeiter für ausgeschlossen. Schischow sei gerade dabei gewesen, eine ganze Reihe von Aktionen zu planen - anlässlich des Jahrestags der international nicht anerkannten Präsidentenwahl in Belarus, sagt ein Vertrauter Schischows, der belarusische Journalist Denis Stanschi.

"Es ist auch geplant, Aktionen in der Ukraine durchzuführen, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Und er war einer der Organisatoren. Er hat sich sehr intensiv daran beteiligt", erklärt Stanschi.

 Vorwürfe gegen den KGB

Es sei der Versuch, die Diaspora einzuschüchtern. Das Gefühl zu vermitteln, dass niemand nirgendwo sicher sei. Für Schischows Arbeitskollegen Juri steht außer Frage, dass der belarusische Geheimdienst KGB für den Tod seines Freundes verantwortlich ist:

Wir wussten, dass wir gejagt werden. Ich vermute, dass es Spezialkräfte des KGB waren, die für das Regime von Alexander Lukaschenko arbeiten.

Schischow war im Herbst des vergangenen Jahres in die Ukraine ausgereist. Er hatte in Belarus an Protestaktionen gegen Machthaber Lukaschenko teilgenommen. Ihm drohten Strafverfahren.

In der Ukraine kümmerte er sich mit seiner Organisation um Belarusen, die vor dem Regime fliehen mussten - wie er. Er half ihnen, dort Fuß zu fassen. Regelmäßig soll er aber auch Protestaktionen der Diaspora organisiert haben.

 Behörden in Belarus schweigen

Die belarusischen Behörden haben sich bislang nicht zu dem Fall geäußert. Für den regierungsnahen Politologen Alexander Schpakowskij ist klar, dass hier ganz andere Kräfte am Werk seien. Kräfte, die nur ein Ziel hätten, erklärte im Sender Sputnik Belarus:

Nämlich den Druck auf unser Land zu verstärken, das internationale Image der Republik Belarus zu schädigen und die Proteststimmung in der belarusischen Gesellschaft anzuheizen.

Erst der Skandal um die Läuferin Kristina Timanowskaja, nun der Tod eines oppositionellen Aktivisten, der nicht besonders bekannt gewesen sei. Es brauche ständig neue Anlässe, um die aggressive Politik des Westens gegen Belarus weiter rechtfertigen zu können, so der Politologe.

Schischows Mitarbeiter und Freunde haben bereits angekündigt, ihre Arbeit fortsetzen und für neue Protestaktionen sorgen zu wollen. Für den Abend ist in Kiew eine Gedenkveranstaltung geplant.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. August 2021 um 17:00 Uhr.