Bahnmitarbeiter in Warnkleidung gehen entlang eines Bahngleises im Bahnhof Hunts Cross, Großbritannien. | dpa

Höhere Löhne gefordert Großbritannien droht massiver Bahnstreik

Stand: 20.06.2022 17:47 Uhr

In Großbritannien wollen in dieser Woche Zehntausende Eisenbahner für höhere Löhne und gegen Stellenstreichungen ihre Arbeit niederlegen. Dem Land steht der größte Bahnstreik seit 30 Jahren bevor.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Großbritannien bereitet sich auf massive Streiks vor. Bahngesellschaften und die Londoner U-Bahn empfehlen, Fahrten zu vermeiden oder auf andere Verkehrsmittel umzusteigen. Die Bahngewerkschaft RMT hat angekündigt, am Dienstag, Donnerstag und Samstag zu streiken. 40.000 Beschäftigte könnten die Arbeit niederlegen. Es droht der größte Streik im Vereinigten Königreich seit Jahrzehnten. Auch Ärzte und Lehrer wollen für höhere Löhne kämpfen. In den nächsten Tagen gehen hier die Gespräche weiter.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Erinnerung an den Winter 1978/1979

Die konservativen Tageszeitungen erinnern bereits an die Streiks in den 1970er-Jahren, als Arbeitsniederlegungen das Land lähmten. Der Winter von 1978/1979 ging als "winter of discontent" ("Winter des Unbehagens") in die Geschichte ein. 1979 siegte dann unter anderem deswegen Margaret Thatcher bei der Parlamentswahl und löste eine Labour-Regierung ab.

Das Boulevard-Blatt "The Sun" spielte auf eine Bahn-Durchsage an und titelte: "Wir bedauern, ihnen mitteilen zu müssen, dass dieses Land wieder in den 1970ern angekommen ist."

"Lange nicht auf die Beschäftigten gehört"

Der "Daily Telegraph" befürchtet, dass die Streiks ein halbes Jahr dauern könnten. Das sei schrecklich, sagt eine Passantin, schrecklich für alle, die zur Arbeit fahren müssten. Ein anderer Passant unterstützt die Streikenden, denn der Transportminister, die Regierung habe seit Jahrzehnten nicht auf die Beschäftigten gehört.

Die Verhandlungen werden natürlich zwischen Arbeitnehmervertretern und Arbeitgebern geführt. Doch die politische Debatte darüber, welche Forderungen gerechtfertigt sind, über den Ausbau des Netzes und darüber, wer Schuld ist am möglichen Chaos, wird längst hitzig geführt.

Stellenabbau und Arbeitszeitverlängerung?

Der Chef der Gewerkschaft RMT, Mike Lynch, sagte in der BBC: "Wir wollen auch, dass es eine Lösung gibt. Aber wir müssen eben auch sagen, dass wir gerade eine Krise erleben. Stellen werden abgebaut, auch wenn der Transportminister etwas anderes sagt. Die Sicherheitsstandards werden reduziert, Fahrkartenverkaufsstellen werden geschlossen, und die Arbeitszeit soll verlängert werden auf 40 oder gar 44 Stunden pro Woche." Dazu kommt, dass die Inflationsrate im Vereinigten Königreich bei etwa zehn Prozent liegt.

Lisa Nandy, Labour-Abgeordnete aus dem Norden von England und zuständig für "Levelling up", also die Angleichung der Lebensverhältnisse, verteidigt die Gewerkschaften: "Wir wollen auch nicht, dass die Streiks stattfinden müssen. Aber wir haben zehn Jahre schlechtes Management erlebt, Unterfinanzierung und gebrochene Versprechen."

Hohe Sprit-Preise, hohe Lebenshaltungskosten

Die Regierung kritisiert sowohl die Gewerkschaften als auch Labour. Der Transportminister Grant Shapps erklärt, er sei ein moderater Mensch, Massenstreiks brauche niemand im Land, die Menschen sollten zur Arbeit fahren können.

Viele empfinden die Streiks als Zumutung angesichts hoher Spritpreise, angesichts steigender Lebenshaltungskosten und langer Wartelisten im Gesundheitsbereich. Premierminister Boris Johnson kritisierte in der vergangenen Woche Oppositionsführer Keir Starmer im Unterhaus heftig. Labour tue nichts gegen die Streiks - was so nicht stimmt. Denn Labour hat sich auch gegen die Arbeitsniederlegungen ausgesprochen.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 20. Juni 2022 um 16:12 Uhr.