Ein Verkäuferin mit Mundschutz nimmt ein Baguette in einer Bäckerei in Paris. | Stefanie Markert

Frankreich Hitziger Streit ums Billig-Baguette

Stand: 28.01.2022 15:55 Uhr

In Frankreich ist ein Streit um ein nationales Heiligtum entbrannt: das Baguette - genauer gesagt um den Baguettepreis. Die Handelskette Leclerc verkauft es für 29 Cent. Die Landwirtschaftsgewerkschaften laufen Sturm.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

"Maison Lucie - Boulangerie Bio" steht auf einer grünen Markise. Hinter einem der Schaufenster stapeln sich Mehlsäcke, dahinter steht der Backofen. Hier, in der Pariser Rue de Berri unweit der Champs Elysées, ist Edouard Chef. Der Hüne mit Vollbart holt Brote aus dem Ofen.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

"Das 29-Cent-Baguette ist industriell gefertigt. Bei dem Preis können wir nicht mithalten", sagt er. "Und das wollen wir auch nicht. Mit dem einen Euro für unser Bio-Baguette sind wir für dieses teure Stadtviertel schon sehr preiswert. Bei uns ist das Mehl noch teurer, ist ja Bio. Das sind zwei völlig verschiedene Brote - nicht derselbe Geschmack, nicht dieselbe Qualität."

Edouard schaltet die Knetmaschine an. Der Teig wird gründlich verarbeitet. "Leclercs Geheimnis ist sicher eine niedrigere Gewinnspanne. Sie regeln das über die Quantität", meint Edouard. "Hauptsache der Kunde kommt und kauft vielleicht noch was Anderes. Aber ich denke, unser traditionelles Baguette hat mehr denn je eine Zukunft." Denn Frankreich bleibe ein Land des Brotes. "Unsere Kunden machen sogar einen kleinen Umweg, weil sie unser Brot mögen. Um mein Baguette mache ich mir keine Sorgen!"

Blick auf das Fenster der "Maison Lucie - Boulangerie Bio" | Stefanie Markert

Die Bäckerei von Edouard in der Pariser rue de Berri. "Unsere Kunden machen sogar einen kleinen Umweg, weil sie unser Brot mögen. Um mein Baguette mache ich mir keine Sorgen", sagt er. Bild: Stefanie Markert

Baguette als Weltkulturerbe

Frankreich hat das Stangenbrot sogar für das immaterielle Weltkulturerbe vorgeschlagen. Die UNESCO wird darüber wohl im Herbst 2022 entscheiden. Claire hat ein Baguette gekauft. "Ich bin richtig wütend über das Billig-Baguette", sagt sie. "Da steht doch ein Beruf dahinter. So ein niedriger Preis im Supermarkt ist den Bäckern gegenüber nicht loyal." Sie gehe gern zum Bäcker und fände es gut, wenn man in allen Städten und Dörfern Frankreichs beim Bäcker Brot kaufen kann. "Die Qualität bewahren, das ist wichtig!"

Ein berechtigter Wunsch. Denn gab es 1970 in Frankreich noch 55.000 Bäckereien, die selbst gebacken haben, sind es heute nur noch 35.000. Im Durchschnitt kostet ein Baguette in Frankreich dreimal mehr. Rund 90 Cent.

Leclerc "blutet die Landwirtschaft aus"

Wütend über das Billig-Baguette ist auch die Chefin der Landwirtschafts-Dachgewerkschaft, Christiane Lambert. "So halbiere ich den Baguette-Preis. Das heißt, einem ist alles andere schnurzpiepegal", sagt sie. "Er blutet die französische Landwirtschaft aus. Wenn es künftig Pleiten gibt und weniger Landwirte, dann hat dieser Einzelhändler einen großen Anteil daran. Dafür muss er sich verantworten."

Der Buhmann ist Michel-Edouard Leclerc. Der 69-Jährige leitet die gleichnamige Handelskette mit ihren über 700 Großmärkten, meist in ortsnahen Gewerbegebieten, mit großem Parkplatz und oft mit Tankstelle. Mitte Januar hatte er Werbeplakate aufstellen lassen. Die Botschaft: Es gebe Symbole, die man - koste es, was es wolle -  verteidigen müsse. Die hitzige Debatte in den Medien versteht er nicht.

Baguettes stehen in einem Regal der "Maison Lucie - Boulangerie Bio" | Stefanie Markert

"Die Franzosen haben immer den Baguette- und den Benzin-Preis im Kopf", sagt Unternehmer Leclerc. Bild: Stefanie Markert

Leclerc: Konkurrenz nimmt die Kunden aus

"Der Preis lag schon vorher bei 29 Cent. Wir haben ihn lediglich für weitere sechs Monate eingefroren. Lidl, Aldi oder Carrefour haben identische Preise. Wir verkaufen dieses Baguette millionenfach. Über acht Millionen Franzosen entscheiden sich für Bestpreis-Produkte. Und genau wie wir es mit Benzin, Masken oder Selbsttests gemacht haben, wollten wir wegen der Inflation zeigen: Wir winken höhere Preise nicht einfach durch."

Leclerc wirft der Konkurrenz indirekt vor, Kundinnen und Kunden unter dem Deckmantel der Inflation auszunehmen. Er fühle sich "wie das schwarze Schaf der Landwirtschaft". Dabei beschäftige man in den Einkaufszentren 2000 Bäcker und habe zwei von den Getreidemühlen geforderte Preissteigerungen mit einkalkuliert. 

Immer im Kopf: Baguette- und Benzinpreis

"Die Franzosen haben immer den Baguette- und den Benzin-Preis im Kopf", sagt Unternehmer Leclerc. "Ja, die großen Handelsketten Leclerc, Intermarché, Lidl, Aldi sind billiger." Das fördere das französische Wirtschaftswachstum. "Das ist wichtig, wo die Inflation kommt wie eine Mauer. Wir werden wohl vier Prozent erreichen. Da muss der private Sektor was unternehmen. Und die Bürger, die jeden Euro umdrehen, stimmen uns zu. Wir kämpfen an ihrer Seite."  

Mit über 20 Prozent Marktanteil, Tendenz steigend - und Milliardenumsätzen. Eine neue Studie belegt: Fast 40 Prozent der Franzosen schätzen, ihnen gehe es heute schlechter als vor zehn Jahren. Am Monatsende würden durchschnittlich 467 Euro zum sorgenfreien Leben fehlen.

Präsidentschaftswahlen im April

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen im April kommt das Thema ungelegen. Schon einmal hatten gestiegene Benzinpreise monatelange Ausschreitungen ausgelöst. So kümmert sich Frankreichs Wirtschaftsminister derzeit besser um mehr Kilometergeld oder Energiekosten-Gutscheine für Bedürftige. Er befürwortet, dass die Franzosen die Wahl hätten, beim Baguette. Kundin Salomé auch: "Ich finde das Angebot Leclercs gut. Lidl macht das doch auch, aber darüber spricht niemand. Vielleicht weil sie nicht französisch sind? Wenn ich es mir nicht leisten könnte, zum Bäcker zu gehen, dann wäre ich froh, über ein preiswertes Baguette. Das betrifft Familien, Studenten, eine ganze Menge Leute. Deshalb finde ich die Debatte darüber auch lächerlich", sagt sie - und geht mit ihrem Bio-Baguette in knisternder Papiertüte aus der Bäckerei Maison Lucie.