Annalena Baerbock und Sergej Lawrow | AP

Baerbock in Russland Auf der Suche nach dem richtigen Ton

Stand: 18.01.2022 10:23 Uhr

Ukraine-Konflikt, Nord Stream 2, NATO-Osterweiterung: Außenministerin Baerbock ist mit ihrem russischen Amtskollegen Lawrow zusammengekommen, um den Streit mit Russland zu entschärfen. Es ist eine Bewährungsprobe.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

In den russischen Staatsmedien ist der Besuch der deutschen Außenministerin in Kiew zwar kein Thema gewesen. Man darf aber getrost davon ausgehen, dass ihre Aussagen sehr wohl in Moskau zur Kenntnis genommen wurden. Ihr Nein zur Lieferung von Defensivwaffen. Das Ausbleiben konkreter Sanktionsdrohungen - auch mit Blick auf die Gas-Pipeline Nord Stream II. Ihr klares Bekenntnis zu weiteren diplomatischen Bemühungen.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

"Wir sind bereit zu einem ernsthaften Dialog mit Russland. Denn Diplomatie ist der einzig gangbare Weg, um die derzeitige hochgefährliche Situation zu entschärfen", so Baerbock.

Lawrow: "Das ist für uns nicht hinnehmbar"

Baerbock hatte angekündigt, zuhören zu wollen. In diesem Punkt dürfte sie ihr russischer Amtskollege Sergej Lawrow beim Wort nehmen. Er wird noch einmal ausführlich erklären, warum und wieso Russland gerade jetzt auf einer schriftlichen Garantie besteht, dass es keine weitere NATO-Osterweiterung mehr gibt. Und warum Moskau nichts anderes übrig bleibe, als weiter Druck zu machen. Weil nicht nur die NATO, sondern auch Russland rote Linien habe.

"Von uns fordert man, dass wir auf unserem Territorium Truppen in die Kasernen zurückbeordern, während gleichzeitig Amerikaner, Kanadier und Engländer so gut wie dauerhaft zum Beispiel im Baltikum stationiert sind und Militärbasen im Schwarzen Meer entstehen", kritisierte Lawrow. "Das kann uns nicht gefallen. Das ist für uns nicht hinnehmbar."

Ebenso wenig wie Preisschilder, die der Westen neuerdings an nicht erwünschte Forderungen klebe. Eine kleine Spitze in Richtung der deutschen Außenministerin, die auch in Kiew noch einmal gewarnt hatte, "dass jede weitere Aggression einen hohen Preis für das russische Regime hätte."

Baerbock: "Es gibt keine Zaubertür"

Dass die deutsche Außenministerin sich für eine neue Verhandlungsrunde im Ostukraine-Konflikt stark machen will, dürfte Lawrow im Grundsatz begrüßen. Allerdings nicht ohne von Berlin zu fordern, mehr Druck auf die ukrainische Führung auszuüben. Denn diese versuche immer wieder, die Minsker Vereinbarungen, die zu einem Frieden in der umkämpften Region führen sollen, zu unterlaufen. Ein Vorwurf, den auch Kiew mit Blick auf Moskau erhebt.

Baerbock weiß, dass es einen langen Atem und starke Nerven braucht, um bei den Verhandlungen auch nur einen Schritt voranzukommen. "Es ist wahnsinnig schwierig, das möchte ich an dieser Stelle auch sagen", so Baerbock. "Es gibt nicht diese eine Zaubertür, die man öffnen kann und dann ist die Krise gelöst."

Schwere Vorwürfe von beiden Seiten

Das gilt auch für das deutsch-russische Verhältnis an sich, das schwer belastet ist. Beide Seiten haben zuletzt Diplomaten ausgewiesen, weitere Sanktionsdrohungen stehen im Raum. Es geht um massive gegenseitige Vorwürfe, die von Staatsterrorismus über Menschenrechtsverletzungen bis zu Einschränkungen bei der Medienfreiheit reichen.

In dieser Gemengelage den richtigen Ton zu treffen - eine Herausforderung. Eine erste echte Bewährungsprobe für Baerbock in ihrer neuen Rolle als Außenministerin.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Januar 2022 um 08:00 Uhr.