Annalena Baerbock, Bundesaußenministerin steigt aus dem Flieger der Bundesregierung. | picture alliance/dpa
Analyse

Baerbocks Antrittsbesuche Ein erster Vorgeschmack

Stand: 10.12.2021 22:18 Uhr

Die Krisen der Welt gestatten keine allzu lange Eingewöhnung. Das merkt auch Außenministerin Baerbock bei ihren ersten Antrittsbesuchen. In Warschau hat sie ihre erste Feuerprobe.

Von Christian Feld und Markus Sambale, ARD-Hauptstadtstudio

Als Annalena Baerbock mit ihrem polnischen Amtskollegen die Treppe herunterkommt, ist das Foyer des polnischen Außenministeriums gerammelt voll. In mehreren Reihen sind Kameras und Mikrofone aufgebaut, um den Auftritt der neuen deutschen Außenministerin einzufangen. Es war absehbar, dass nach Paris und Brüssel dieser Reiseteil der schwierigste werden könnte. Und in der Tat bekommt Baerbock hier in Warschau einen ersten Vorgeschmack, wie es auf dem diplomatischen Parkett zugehen kann.

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio
Markus Sambale ARD-Hauptstadtstudio

Zbigniew Rau, der polnische Ministerkollege, habe sich hinter verschlossener Tür sehr charmant verhalten, ist aus der deutschen Delegation zu hören. Jetzt im Anblick der Kameras schlägt er andere Töne an. Baerbock steht wieder einmal neben einem deutlich älteren Mann. Rau ist 66, Juraprofessor und seit knapp einem Jahr Außenminister. Als "etwas mehr erfahrener" Kollege hat er ein paar Erkenntnisse im Angebot, die man wohlmeinend als väterlich bezeichnen könnte.

Eine Situation, die die Grünenpolitikerin wohl noch häufiger erleben wird. Rau sagt: "Viele meiner theoretischen Vorstellungen von meiner Arbeit wurden korrigiert durch die laufende Praxis." Baerbock wird sich später für die „klugen Tipps“ bedanken. Und es soll noch heftiger kommen. Diese Pressekonferenz hat eine gänzlich andere Temperatur als die Termine des ersten Tages.

Es ist gerade einmal zwei Tage her, dass Annalena Baerbock ihren Amtseid gesprochen hat. Ob sie will oder nicht - ihr Leben verändert sich. Die Reisetage sind durchgetaktet. In langen Autokolonnen rast sie jetzt durch Paris und Brüssel. Regierungsmaschine, Landung, Einsteigen, Blaulicht, Fototermine. Sitzungsräume.

Krisen der Welt gestatten keine Eingewöhnung

Das Protokoll des Auswärtigen Amtes ist fürsorglich, aber auch streng. Und: Die Krisen der Welt gestatten keine allzu lange Eingewöhnung. Die neue deutsche Außenministerin springt auf das Karussell der Weltpolitik auf, das sich zurzeit mit voller Wucht dreht. Die neue deutsche Chefdiplomatin hat ein paar Botschaften im Gepäck, die sich wie ein roter Faden durch die Reisetage ziehen.

Die Begriffe "gemeinsam" und "europäische Lösung" fallen immer wieder. Zum Beispiel, wenn sie nach einem möglichen diplomatischen Boykott der Olympischen Spiele gefragt wird. Baerbock hat sich vorgenommen, zuzuhören und nicht die Partner mit festen eigenen Positionen zu überfahren. Sie sendet Botschaften der Kontinuität: die NATO als unverzichtbarer Pfeiler der Sicherheit. Uneingeschränkte Unterstützung für die Ukraine.

Diplomatie als Langstrecke, nicht als Sprint

Die Außenministerin-Werdung ist ein Prozess. Eine erste Reise ist ein Kennenlernen, Herantasten, Aufbauen von Beziehungen. Diplomatie ist Langstrecke und nicht Sprint. In einzelnen Momenten ist ihr eine gewisse Anspannung anzumerken. Verständlich und nachvollziehbar. Doch ihr Auftreten wirkt sicher, sie selbst strahlt Freude an der neuen Aufgabe aus.

Die Pressekonferenz in Warschau ist die erste kleine Feuerprobe. Das Statement des polnischen Außenministers wird lang und länger, die Vorwürfe gegen Deutschland immer schärfer. Schon ein Vorgänger von Rau habe einem Vorgänger von Baerbock, Joschka Fischer, gesagt, wie falsch die Erdgas-Pipeline Nordstream 2 sei. Daran habe sich nichts geändert. Will er Baerbock testen? Herausfordern?

Unterschiedliche Positionen in der Koalition

Es ist ein schwieriges Thema. Die Positionen innerhalb der Ampel-Koalition gehen auseinander. Die Grünen-Vorsitzende Baerbock hätte Nord Stream 2 vor kurzem noch in Grund und Boden kritisiert. Die Außenministerin Baerbock bleibt ruhig und verweist auf die gemeinsame Position im Koalitionsvertrag. Baerbock erspart ihm ihrerseits das Thema Rechtstaatlichkeit nicht, wo es "Diskrepanzen" gebe, die "sehr, sehr groß" seien. "Es macht Freundschaften aus, sich unbequemen Fragen zu stellen", sagt die Grüne. "Ehrlichkeit und ein offenes Wort müssen immer im Mittelpunkt stehen."

Dann drängt auch schon wieder der gnadenlose Zeitplan. Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten. Kolonne. Blaulicht. In Berlin beginnt nicht etwa das Wochenende. Annalena Baerbock steigt kurz aus, gibt den tagesthemen ein Interview und sitzt darauf wieder in der selben Maschine. Ziel: das G7-Treffen in Liverpool. Zum dritten Mal an diesem Tag hört sie durch den Lautsprecher die Ansage des Piloten: "Wir starten."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Dezember 2021 um 20:00 Uhr.