Blick auf den Hafen von Rabo de Peixe auf der Azoren-Insel Sao Miguel (Portugal) | Oliver Neuroth

Azoren Als der Strand voll Kokain war

Stand: 06.06.2021 14:42 Uhr

Vor genau 20 Jahren wurden Unmengen Kokain an den Strand der Azoreninsel São Miguel gespült. Einige Inselbewohner wurden auf einen Schlag reich, andere stürzten ab. Auf Spurensuche in Rabo de Peixe.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid, zurzeit Ponta Delgada

Alvaro Correia erinnert sich genau an den Tag: jenen 6. Juni 2001, an dem der damalige Endzwanziger wie so oft mit einem Fischerboot aufs Meer gefahren war. Denn diese Tour war anders: Ein paar Kilometer vor der Nordküste der Insel São Miguel sah Alvaro plötzlich weiße Päckchen im Meer schwimmen. Sie waren so groß wie drei oder vier Backsteine nebeneinandergelegt, sagt er.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

Ihm dämmerte schon, was sein könnte - und er rührte die Pakete nicht an. Der starke Nordwind habe die Päckchen schließlich an die Küste gespült, an einen Strand des 10.000-Einwohner-Orts Rabo de Peixe, erzählt Correia. Einige der Bewohner sammelten sie auf. Doch die meisten hatten keine Ahnung, was sich darin befand: reines Kokain.

"Ich weiß noch, wie manche Leute im Ort Wassergläser mit dem Kokain befüllt und sie für 25 Euro das Stück verkauft haben", erinnert Correia sich. "Einige dachten auch, es sei Mehl. Sie hatten noch nie im Leben Drogen gesehen."

Alvaro Correia | Oliver Neuroth

Alvaro Correia erinnert sich genau an den Tag, als er mit seinem Fischerboot die schwimmenden Kokain-Pakete entdeckte. Bild: Oliver Neuroth

Heiße Ware über Bord geworfen

Mehr als 500 Kilo Kokain zu einem Schwarzmarktwert von rund 40 Millionen Euro hatte die Segeljacht geladen, die auf dem Weg von Venezuela auf die Balearen durch ein Unwetter manövrierunfähig geworden war. Dem Kapitän wurde schnell klar, dass er mit den Drogen an Bord niemals in einen Hafen von São Miguel einlaufen konnte, um das Schiff reparieren zu lassen.

Nordwestlich der Azoreninseln entschied er sich deshalb, den Großteil der heißen Ware über Bord zu werfen - und das Leben in Rabo de Peixe stellte sich von einem auf den anderen Tag völlig auf den Kopf. Die Menschen im Ort gerieten in einen Drogenrausch - und nicht selten endete der im Krankenhaus.

"Bei uns werden immer mehr Menschen mit einer Überdosis eingeliefert. An einem Wochenende waren es neun Patienten, die zu uns in die Notaufnahme kamen", erzählte Notaufnahmeschwester Luisa Cunha damals im portugiesischen Fernsehen. "Zwei von ihnen hatten zu viel Kokain genommen. Die anderen konnten nicht erklären, um welche Droge es sich gehandelt hat."

Abhängig von der Fischindustrie

Rabo de Peixe ist bis heute ein sozialer Brennpunkt auf der Insel. Viele Menschen leben auf wenig Raum, die Fischindustrie ist ein wichtiger Arbeitgeber. Mit den Drogen begann sich die Bevölkerung zu spalten, erinnert sich ein Bewohner im Sender SIC. "Eine Generation im Ort hatte unter ihren Lebensumständen zu leiden. Eine andere Generation schwamm plötzlich im Geld. Auch sie hatten vorher nichts im Leben - heute laufen sie mit Krawatte herum."

Alvaro Correia erinnert sich: "Viele Leute bereicherten sich auf Kosten der armen Menschen. Einige davon wurden auch von der Polizei erwischt und kamen ins Gefängnis."

Offen sprechen wollen Gewinner und Verlierer des Drogenrauschs nicht. Die Kokain-Dealer von Rabo de Peixe wurden zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt; der Kapitän der Segeljacht, von der die Unmengen Drogen stammten, zu elf Jahren. Kurz nach seiner Festnahme brach er aus dem Gefängnis der Inselhauptstadt Ponta Delgada aus. Gut zwei Wochen war er auf der Flucht, dann fasste ihn die Polizei wieder.

Eine Landstraße auf Rabo de Peixe auf der Azoren-Insel Sao Miguel (Portugal) | Oliver Neuroth

Eine Landstraße auf Rabo de Peixe auf der Azoren-Insel Sao Miguel. Bild: Oliver Neuroth

Der Fund wirkt lange nach

Auch 20 Jahre danach liegt die Geschichte noch wie ein Fluch über dem Ort, meint Correia. Das Klima in der Stadt sei vergiftet: "Die Drogen waren eine Geißel und haben Rabo de Peixe nur Schlechtes gebracht."

Sein Sohn Ruben möchte die Drogen-Geschichte dagegen als Chance nutzen: Er schreibt gerade an einem Buch über den Fall, einem Roman nach wahrer Begebenheit. Mehr will Ruben über sein Projekt im Moment nicht verraten. Nur so viel: Als nächsten Schritt plant er, den Kokainrausch in seiner Heimatstadt als Serie ins Fernsehen bringen.

Dieser Beitrag lief am 04. Juni 2021 um 09:24 Uhr im Deutschlandfunk.