Ein Techniker der Polizei kommt nach der Gewalttat in Norwegen aus einem Gebäude, vor dem ein Polizist Wache steht. | AFP

Ermittlungen nach Angriff in Norwegen "Es gab ein Problem mit Radikalisierung"

Stand: 14.10.2021 13:25 Uhr

Nach dem tödlichen Angriff im norwegischen Kongsberg soll der Verdächtige die Tat gestanden haben. Laut Ermittlern war er zum Islam konvertiert und schon länger wegen vermuteter Radikalisierung im Fokus der Polizei.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm, zzt. Hamburg

Am Tag danach steht die kleine Stadt im Süden des Landes weiter unter Schock. Kongsberg liegt etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt Oslo entfernt und hat gut 22.000 Einwohner. "Ich bin schockiert und den Tränen nah", sagte eine Frau, die wie alle anderen zutiefst erschüttert ist. "Es macht Angst, dass sowas in dem kleinen Kongsberg passieren kann."

Carsten Schmiester ARD-Studio Stockholm

Tatverdächtig ist ein 37 Jahre alter Däne, der seit Jahren in Kongsberg lebt. Der Angreifer hatte gestern Abend an verschiedenen Orten, auch bei oder in einem Supermarkt, mit Pfeil und Bogen gezielt auf Menschen geschossen und fünf von ihnen getötet: Vier Frauen und einen Mann, zwei weitere Menschen wurden schwer verletzt. Sie liegen auf der Intensivstation, schweben aber nicht in Lebensgefahr.

Laut Polizei hat der Mann die Tat noch in der Nacht gestanden. Nach Angaben seines Anwalts kooperiert er mit den Ermittlern. Das Tatmotiv ist allerdings weiter unklar. Der Mann sei in medizinischer Behandlung und polizeibekannt gewesen, so Kommissar Ole Bredrup Sæverud am Vormittag:

Wir untersuchen, ob es sich um einen Terroranschlag handelt. Es ist aber kompliziert, das alles mit einem Motiv zu verknüpfen. Anhand älterer Informationen über den Mann können wir sehen, dass es hier ein Problem mit Radikalisierung gegeben hat. Die Person ist zum Islam konvertiert.

"Grausame und brutale Tat"

Die konservative Ministerpräsidentin Erna Solberg, die nach einer Wahlniederlage im September heute ihr Amt planmäßig an den Sozialdemokraten Jonas Gahr Støre übergeben hat, hatte noch in der Nacht den Hinterbliebenen der Opfer ihre Anteilnahme ausgesprochen. "Die Nachrichten, die wir heute Nacht aus Kongsberg erhalten, sind furchtbar", sagte sie. "Es hat mehrere Opfer gegeben, die Situation ist dramatisch. Ich verstehe, dass viele Menschen Angst haben. Deshalb will ich betonen, dass die Polizei die Lage unter Kontrolle hat." Ihr Nachfolger Støre sprach von einer "grausamen und brutalen Tat".

Heute äußerte sich auch König Harald dazu, der Hof veröffentlichte eine schriftliche Erklärung. Darin heißt es unter anderem:

Ich bin entsetzt über die tragischen Ereignisse in Kongsberg gestern Abend. Wir haben Mitgefühl mit den Angehörigen und Verletzten in ihrer Trauer und Verzweiflung. Norwegen ist ein kleines Land. Wenn die Leute in Kongsberg jetzt so hart getroffen werden, dann steht der Rest der Nation zu Ihnen.

Norwegen mehrfach Ziel von Anschlägen

Das Land war in der Vergangenheit mehrfach zum Ziel von Anschlägen geworden. Zuletzt im August vor zwei Jahren hatte ein 22-jähriger norwegischer Rechtsextremist zunächst seine chinesisch-stämmige Stiefschwester erschossen und dann eine Moschee in der Nähe der Hauptstadt Oslo überfallen. Er wurde aber überwältigt, ohne weitere Menschen schwerer zu verletzen, und später wegen des Terroranschlages zur Höchststrafe von  mindestens 21 Jahren Haft verurteilt.

Ebenso wie Jahre zuvor Anders Breivik, der 2011 den bisher schwersten Anschlag in Norwegen verübt hatte. Bei der Explosion einer von ihm gelegten Bombe im Osloer Regierungsviertel und einem anschließenden Amoklauf im Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation auf der nahen Insel Utøya hatte er 77 Menschen ermordet.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Oktober 2021 um 21:30 Uhr.