Haselnussbäume stehen vor einem See. | Anja Miller/ARD Rom

Atommüll Ein Endlager im Haselnuss-Hain?

Stand: 23.09.2021 06:46 Uhr

Italiens größtes Atommüll-Lager hat ausgedient, die Nuklearbehörde sucht einen neuen Standort: In der Auswahl steht auch eine idyllische Gegend in der Provinz Viterbo. Bauern und Anwohner sind entsetzt.

Von Anja Miller, ARD-Studio Rom

Der Boden ist bedeckt von hellbraunen Haselnüssen. Ein Arbeiter schiebt sie in die Mitte zwischen die Baumreihen, ein anderer sammelt sie mit dem Traktor ein. Außer dem Einsatz des Traktors hat sich in den letzten 200 Jahren nicht viel verändert an der Haselnuss-Ernte in der Region Tuscia. Nello Lupino produziert für Marken wie Ferrero, stellt aber auch selbst köstliche Nusscremes her. Das macht seine Familie seit Generationen. Ihre Haine befinden sich nicht weit von einem Naturschutzgebiet. Eine grüne Idylle und historische Landschaft, nur eine Stunde außerhalb Roms.

Anja Miller ARD-Studio Rom

Doch genau in dieser Gegend könnte ein Atommüll-Endlager entstehen, zumindest steht sie auf einer Liste geeigneter Standorte. Unvorstellbar für Bauer Lupino: "Diese Ländereien wurden von unseren Vorfahren gekauft. Es sind vielleicht die ersten gepflanzten Haselnusshaine. Die Haselnuss ist auch ein Marketingfaktor für die ganze Region", sagt er. "Es wäre sehr schädlich für unser Image, und auch für den Tourismus sicherlich von großem Schaden, wenn sie hier eine Deponie errichten."

Ein Bauer sitzt auf einer Erntemaschine im Haselnuss-Hain von Bauer Lupino in der Region Tuscia (Italien). | Anja Miller/ARD Rom

Die Haselnüsse aus dem Hain von Bauer Lupino gehen auch an große Firmen - doch für ein Atomlager wwürde mancher Bauer wohl sein Land aufgeben müssen. Bild: Anja Miller/ARD Rom

Öffentliche Debatte "nicht vorgesehen"

Es geht um mehr als 30.000 Kubikmeter radioaktiven Abfalls, für die Italien ein Lager sucht. Rund die Hälfte stammt aus den stillgelegten Atomkraftwerken, die andere Hälfte aus Industrie, Medizin und Forschung. Bis heute gibt es dafür keine endgültige Lösung - und auf lange Sicht wird sich die Abfallmenge noch deutlich erhöhen. Noch lagert der nukleare Abfall auf dem Gelände ehemaliger Atomkraftwerke oder im Ausland. Italien selbst ist aus der Atomkraft schon 1987 nach einem Referendum ausgestiegen.

Das staatliche Unternehmen Sogin soll mögliche Standorte für Endlager identifizieren und hat dazu Anfang des Jahres eine Liste mit 67 potentiell geeigneten Gebieten veröffentlicht. "Sobald ein geeignetes Gebiet identifiziert ist, wird entweder von der Region ein Vorschlag für ein Endlager auf ihrem Territorium gemacht oder es wird ein nationales Komitee gegründet, um die geeigneten Gebiete zu überprüfen", beschreibt Maurizio Pernice, Direktor der obersten Kontrollbehörde für nukleare Sicherheit in Italien (ISIN), das Verfahren.

Eine öffentliche Debatte zu den Standorten sei nicht vorgesehen, weil diese "unter Umständen kontraproduktiv für die korrekte technisch-wissenschaftliche Entscheidung" sei. Allerdings könne schriftlich Stellung zu den Plänen genommen und dies dann auch persönlich vorgetragen werden.

Tuscia - Region der Nachhaltigkeit

Im Herzen der Region Tuscia liegt der Lago di Vico. Die anliegenden Gemeinden legen Wert auf Natur- und Umweltschutz, lassen nur sanften Tourismus am See zu. Es gibt wenige Badestrände, Wassersport ist verboten, statt auf Hotels setzt man auf "Agriturismo". Der nördliche Teil steht unter Naturschutz, der Süden darf landwirtschaftlich genutzt werden. Hier sind die Haselnusshaine von Bauer Lupino.

Die nationale Behörde ISIN beteuert, dass alle Umweltstandards eingehalten würden und vergleicht die Situation mit Frankreich: "In Frankreich befindet sich das Depot in der Nähe des Champagner-Anbaugebiets. Während sich die französischen Bürger zuvor dagegen gewehrt hatten, sind sie nun bereit, ein weiteres Depot zu akzeptieren, da sie von dem ersten profitiert haben", so Direktor Maurizio Pernice.

Und dann ist da noch der Streit unter Geologen um die Bedeutung der seismischen und tektonischen Aktivitäten für ein Endlager in Italien - schließlich liegt die Halbinsel auf der Eurasischen und der Afrikanischen Erdplatte, und diese verschiebt sich stetig mit wenigen Millimetern pro Jahr Richtung Norden. Heftige Erdbeben sind immer wieder die Folge. Aber selbst in Gegenden, die nicht stark erdbebengefährdet sind, stellt sich Frage, inwieweit die seismische Aktivität eine langfristige Gefahr für ein Endlager darstellt.

Nello Lupino  | Anja Miller/ARD Rom

Nello Lupino misstraut den Zusicherungen der Behörden - er befürchtet einen erheblichen Schaden durch ein Atomlager. Bild: Anja Miller/ARD Rom

Wie groß wäre der Schaden für Tuscia?

Nello Lupino jedenfalls sieht das Ganze immer noch skeptisch: "So etwas erregt doch internationale Aufmerksamkeit. Das würde der Entwicklung der Gegend nicht helfen, sondern eher schaden", fürchtet er.

Bis 2022 soll der Standort feststehen. Der Widerstand in den betroffenen Gemeinden formiert sich bereits. Und das dürfte den Zeitplan noch erheblich durcheinanderbringen.