Studenten demonstrieren in Athen gegen Polizeigewalt und Pläne für eine Uni-Reform | AFP

Nach Krawallen in Athen Debatte um Polizeigewalt in der Corona-Krise

Stand: 11.03.2021 14:14 Uhr

Polizisten verprügeln in Athen einen wehrlosen Mann und bei Protesten gegen Polizeigewalt kommt es zu schweren Ausschreitungen: In Griechenland werden die Demonstrationen wieder gewalttätiger. Welche Gründe gibt es dafür?

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Der vergangene Sonntag war ein schöner Frühlingstag. Die Menschen im gutbürgerlichen Athener Stadtteil Nea Smyrni haben das gute Wetter genutzt, um ein wenig spazieren zu gehen, manche haben sich auf dem Hauptplatz des Vororts auf einer der Sitzbänke niedergelassen, darunter viele Familien.

Verena Schälter

Was dann passiert ist, ist auf zahlreichen Videos zu sehen, die seit dem Wochenende in den sozialen Netzwerken geteilt werden: Polizisten erscheinen auf dem Platz, kontrollieren die Leute. Sie wollen Strafen verteilen wegen angeblicher Verstöße gegen die Corona-Einschränkungen.

Handyvideos zeigen Polizeigewalt

Ein junger Mann spricht auf die Polizisten ein - plötzlich packen sie ihn, drücken ihn zu Boden und prügeln mit einem Schlagstock auf ihn ein.

In einer offiziellen Mitteilung der Polizei heißt es später: Die Beamten seien von 30 Personen angegriffen worden und hätten sich nur gewehrt. In den Videos, die im Netz kursieren, ist davon nichts zu sehen.

Anwohner und Augenzeugen berichten in verschiedenen griechischen Medien, dass die Aggression von den Polizisten ausgegangen sei. Mittlerweile ist die Behörde zurückgerudert: Der prügelnde Polizisten sei vom Dienst suspendiert worden und eine interne Untersuchung sei eingeleitet worden.

Bereits nach nur 15 Tagen Ausbildung an der Waffe

Spilios Kriketos ist im Vorstand der Polizeigewerkschaft und zeigt sich erschüttert. "Dass vier Kollegen einen Menschen schlagen, der am Boden liegt und das 'Verhaftung' nennen dafür schäme ich mich ehrlich", sagt Kriketos.

Ihm zufolge ist ein großes Problem, dass die viele Polizistinnen und Polizisten keine richtige Ausbildung erhalten haben. Bereits 15 bis 20 Tage nach ihrer Rekrutierung bekämen sie Waffen und werden ohne ein richtiges Training auf die Straße geschickt, so der Polizeigewerkschafter.

Opposition kritisiert zunehmenden Autoritarismus

Die Opposition kritisiert seit Monaten, dass die Regierung im vergangenen Jahr statt Ärzten, hunderte neue Polizisten eingestellt habe. Was in Nea Smyrni passiert ist, sei kein Einzelfall gewesen, sagt Efi Achtsioglou von der Oppositionspartei Syriza.

Die zunehmende Polizeigewalt sei Ausdruck eines ganz anderen, tiefergehenden Problems: "Seit einiger Zeit beobachten wir einen harten Autoritarismus, der sich in Teilen der Polizei zeigt."

Autonome und Hooligans kapern friedliche Demos

Doch nicht nur auf Seiten der Polizei steigt die Gewaltbereitschaft: Direkt nach den Geschehnissen vom Wochenende hat Syriza gemeinsam mit anderen Parteien zu einer Demonstration gegen Polizeigewalt aufgerufen. Etwa fünftausend Menschen versammelten sich am Dienstag - wieder im Vorort Nea Smyrni. Die Proteste verliefen zunächst friedlich. Dann eskalierte die Situation erneut - doch dieses Mal ist die Gewalt zunächst nicht von den Polizisten ausgegangen.

Denn kurz nach Beginn der Demo mischten sich hunderte gewaltbereite Hooligans und Autonome unter die Demonstrierenden. Viele waren mit Brandsätzen, Feuerwerkskörpern und Eisenstangen bewaffnet. Ein Polizist wurde schwer verletzt: Das griechische Staatsfernsehen zeigte Bilder, wie Randalierer ihn von seinem Motorrad zogen und dann auf den am Boden liegenden Mann eintraten.

Bilder der Ausschreitungen erinnern an Finanzkrise

Die Bilanz des Abends: Insgesamt fünf Polizisten mussten teils schwer verletzt in das Krankenhaus eingeliefert werden. Ob auch Demonstranten verletzt wurden, ist nach offiziellen Angaben nicht bekannt.

Die Bilder wecken Erinnerungen an die Jahre der Finanzkrise. Auch damals haben Extremisten und Hooligans immer wieder eigentlich friedliche Proteste gekapert. Es kam zu Ausschreitungen mit Verletzten und sogar Toten. Nun, mitten in der Coronakrise, nimmt die Gewaltbereitschaft nach einigen ruhigeren Jahren wieder zu.

Doch die Vergangenheit dürfe sich nicht wiederholen, sagte Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis noch am Abend der Ausschreitungen von Nea Smyrni in einer Fernsehansprache. Er richte seinen Appell vor allem die jungen Leute, die "Dinge erschaffen sollten, anstatt sie zu zerstören." Blinde Wut führe nirgendwohin, so der Ministerpräsident.

Opposition stellt Anfrage an Regierung

Doch damit richte er seine Kritik genau gegen die Falschen, sagt Oppositionsführer Alexis Tsipras (Syriza). Das eigentliche Thema müssten die "jungen Frauen und Männer, die grundlos geschlagen werden, die Leute, die in ihren Stadtvierteln terrorisiert werden" sein. Er fordert ein Ende der Gewaltspirale.

Bereits am Montag hat Tsipras eine Anfrage im Parlament an die Regierung zum Thema Polizeigewalt gestellt. Am Freitag wird Ministerpräsident Mitsotakis dazu Stellung nehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. März 2021 um 09:10 Uhr.