AstraZeneca Impfstoff | AFP

AstraZeneca-Impfstoff Nicht überall auf dem Abstellgleis

Stand: 16.03.2021 13:19 Uhr

Impfen oder nicht impfen? Das ist mit Blick auf das AstraZeneca-Vakzin die Frage. Während in Europa immer mehr Länder das Mittel auf Eis legen, wird andernorts daran festgehalten - teilweise besonders öffentlichkeitswirksam.

Erst Dänemark, dann Norwegen und Island, später zahlreiche weitere Staaten: Die Berichte über seltene Blutgerinnsel nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin und einen möglichen Zusammenhang damit setzten in Europa eine regelrechte Impfstopp-Kettenreaktion in Gang.

Doch nicht alle Länder gehen diesen Weg. Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält an der weiteren Nutzung des Impfstoffs fest. Gemeinsam mit den Experten der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) betonte die Organisation, dass bisher kein Zusammenhang zwischen den Vorfällen und dem Impfstoff festgestellt worden sei. Die WHO-Chefwissenschaftlerin Soumya Swaminathan empfahl den Ländern, ihre Impfungen einstweilen fortzusetzen.

Großbritannien: Impferfolge bloß nicht gefährden

Der britische Experimentalmediziner Peter Openshaw sprach von einem Desaster für die Akzeptanz von Impfungen in Europa, "die in einigen Ländern ohnehin schon auf wackeligem Boden steht". Der Forscher des Imperial College London sagte weiter: "Es ist sehr eindeutig, dass die Vorteile einer Impfung die mögliche Sorge vor dieser seltenen Art der Blutgerinnsel weit überwiegen."

Großbritannien, wo AstraZeneca seinen Hauptsitz hat und dessen Universität Oxford an der Entwicklung des Impfstoffs mitbeteiligt war, hält weiter an dem Vakzin fest. Mehr als elf Millionen Dosen wurden in dem Land laut der britischen Arzneimittelzulassungs- und Aufsichtsbehörde MHRA bereits verimpft. "Und die Zahl der berichteten Blutgerinnsel ist nicht größer, als sie bei dieser Zahl von Menschen natürlicherweise aufgetreten wäre", sagte der für Impfstoff-Sicherheit verantwortliche Phil Bryan.

Insgesamt haben in Großbritannien bereits rund 24,5 Millionen Menschen die erste Covid-Impfdosis erhalten, etwa 1,6 Millionen sind vollständig geimpft. AstraZeneca ist hier also ein wichtiger Bestandteil der Impfkampagne.

Indien: Untersuchen, während weiter geimpft wird

Auch Indien, wo der AstraZeneca-Impfstoff bei der Pandemie-Bekämpfung ebenfalls eine große Rolle spielt, nutzt das Mittel weiter - will aber eine eingehende Untersuchung dazu einleiten. Berichte über seltene Blutgerinnsel habe es hier noch nicht gegeben, sagte N.K. Arora von der indischen Corona-Taskforce der Nachrichtenagentur AFP.

"Wir schauen uns alle unerwünschten Ereignisse an, insbesondere schwerwiegende schädliche Ereignisse wie Todesfälle oder Krankenhausaufenthalte", sagte Arora. Ein "unmittelbarer Anlass zur Besorgnis" bestehe aber nicht. Die Zahl der unerwünschten Nebeneffekte des AstraZeneca-Impfstoffs in Indien sei "sehr, sehr gering". Die Experten würden nun aber erneut alle gemeldeten Nebenwirkungen prüfen, um festzustellen, ob es darunter auch Fälle von Blutgerinnseln gegeben habe.

Indien hat im Zuge seiner Corona-Impfkampagne bereits rund 28 Millionen Impfstoffdosen verabreicht. Das Land setzt dabei größtenteils auf das AstraZeneca-Vakzin, das vom indischen Serum-Institut produziert und von dort auch in Dutzende Länder weltweit exportiert wird.

Thailand: Kabinett als Impfvorbild

Als erstes Land außerhalb Europas hatte Thailand vergangene Woche die Impfungen mit AstraZeneca ausgesetzt. Die thailändischen Gesundheitsbehörden entschieden allerdings wenig später, an dem Impfstoff festzuhalten. So ließ sich am Dienstag Ministerpräsident Prayut Chan-o-cha als erster nach der Wiederaufnahme der Impfungen eine Dosis spritzen - gefolgt von einigen Mitgliedern seines Kabinetts. "Es gibt Menschen, die Bedenken haben", sagte der Regierungschef. "Aber wir müssen den Ärzten glauben, an unsere medizinischen Experten glauben." Die Kampagne soll das Vertrauen der Bevölkerung in den Impfstoff stärken.

Auch andere Länder in der Asien-Pazifik-Region impfen weiter mit dem AstraZeneca-Vakzin. Der philippinische Präsidentensprecher Harry Roque teilte mit, die Philippinen würden die Verwendung nicht aussetzen, weil die Vorteile jegliche Risiken überwögen.

Der australische Gesundheitsminister Greg Hunt sagte, auch Australien werde an den Impfungen festhalten. "Blutgerinnsel passieren, sie passieren in Australien ziemlich häufig", sagte der ranghöchste medizinische Beamte in Australien, Paul Kelly. "Aber aus meiner Perspektive sehe ich nicht, dass es irgendeine besondere Verbindung zwischen dem AstraZeneca-Impfstoff und Blutgerinnseln gibt, und ich bin mit dieser Meinung nicht allein."

Thailands Premierminister Prayut Chan-o-cha wird mit dem AstraZeneca-Vakzin gegen SARS-CoV-2 geimpft | EPA

In Thailand ging die erste Dosis des AstraZeneca-Vakzins nach der Wiederaufnahme der Impfungen an Premierminister Prayut Chan-o-cha. Bild: EPA

USA: Wo noch keine Zulassung, da auch kein Impfstopp

Während immer mehr Länder die AstraZeneca-Impfungen aussetzen, sitzen die USA die Angelegenheit aus. Denn auch wenn das Land mehrere Millionen Dosen des Mittels hortet, ist es hier noch gar nicht zugelassen. Unabhängige Experten sind noch dabei, Daten zu seiner Wirksamkeit und Sicherheit zu untersuchen. Die Daten stammen aus einer US-Studie mit 30.000 Personen. Sollten diese positiv ausfallen und alles nach Plan laufen, könnte die US-Arzneimittelbehörde FDA ihre Notzulassung für das Vakzin in etwa einem Monat erteilen, sagte der Chef der Nationalen Gesundheitsdienste, Francis Collins.

Damit der Impfstoff in den USA nicht ungenutzt einlagert, hatte Mexiko den Nachbar um eine Lieferung gebeten. Die Situation hier ist eine umgekehrte: Zulassung da, Mittel aber nicht. Aus US-Kreisen verlautete, entsprechenden Bitten sei bislang nicht entsprochen worden.

Das Schicksal des AstraZeneca-Impfstoffs ist also weiter ungewiss. Das Präparat ist auch Gegenstand der heutigen Sondersitzung des WHO-Beratungsgremiums zur Impfstoffsicherheit. Im Anschluss wird ein Statement der Experten erwartet.

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 16. März 2021 um 10:21 Uhr.