Boris Johnson | EPA

AstraZeneca-Debatte in der EU Großbritannien wundert sich

Stand: 18.03.2021 15:48 Uhr

Die Briten blicken derzeit irritiert auf die AstraZeneca-Debatte in Europa. Nicht nur Premier Johnson, auch Wissenschaftler halten die Sorgen in der EU für übertrieben. Brexit-Befürworter fühlen sich bestärkt.

Von Torben Ostermann, ARD-Studio London

In Großbritannien denkt man gar nicht daran, auf den Impfstoff von AstraZeneca zu verzichten. Im Gegenteil: Das unter anderem in England mitentwickelte Produkt ist nach wie vor eine zentrale Säule der erfolgreichen britischen Impfkampagne.

Umso größer war die Irritation im Vereinigten Königreich darüber, dass zahlreiche EU-Länder den Impfstoff vorerst nicht weiter verwenden. Was er davon halte, wurde Boris Johnson von einem Abgeordneten im Unterhaus gefragt. Die Antwort des Premiers war eindeutig: Das Beste, was er dazu sagen könne, sei, dass auch er nun auch endlich seinen Impftermin habe, erklärt Johnson. Der Premier setzt auf AstraZeneca.

Zahlreiche namhafte Wissenschaftler reiben sich verwundert die Augen, verstehen nicht, warum unter anderem Deutschland AstraZeneca vorerst nicht mehr einsetzen will. Einer von ihnen ist Jeremy Brown, Medizinprofessor und Mitentwickler der britischen Impfkampagne. Die Sorge der Deutschen vor der Thrombose sei übertrieben, findet er. Es gebe keinen bewiesenen Zusammenhang zwischen dem Vakzin und den vereinzelt auftretenden Hirnthrombosen, die als Grund für vorsorglichen Stopp angeführt werden. Außerdem habe diese Entscheidung schwere Folgen: Den Einsatz von AstraZeneca zu stoppen, dürfte zu mehr Krankheit und Todesfällen führen, prognostiziert er.

"Die verstehen nicht, was in Deutschland abläuft"

Diesem Urteil schließt sich auch die deutsche Wissenschaftlerin Beate Kampmann an. Sie leitet die London School of Hygiene and Tropical Medicine und ist eine ausgewiesene Impf-Expertin. Seit Tagen muss sie nun ihren britischen Kollegen erklären, was in ihrem Heimatland gerade vor sich geht: "Die sagen zu mir, sie verstehen überhaupt nicht, was in Deutschland abläuft. Die sind doch sonst immer so gut organisiert."

Im Interview mit der ARD äußert sie sich besorgt. Während in Großbritannien die Inzidenz sinkt, könnte sich die Situation in Deutschland schon bald erheblich verschlechtern, befürchtet sie. "In Italien haben wir die dritte Welle, die Intensivstationen sind schon wieder voll", sagt sie. "Es ist abzusehen, dass sich das in Deutschland auch wieder ausbreiten kann. Ich verstehe einfach nicht, warum die da so hinter der Evidenz hinterherhinken."

Brexit-Befürworter fühlen sich bestärkt

Das europäische Impfchaos bestärkt in Großbritannien diejenigen, die froh sind, dass ihr Land die EU mittlerweile verlassen hat. Der Tory-Parlamentarier Anthony Brown vermutet, dass europäische Entscheidungsträger von Politik und nicht von der Wissenschaft getrieben seien. Dieses Verhalten werde in der EU Menschenleben kosten, so Brown weiter.

Mittlerweile sind in Großbritannien mehr als 25 Millionen Impfdosen verspritzt worden - schon sehr bald wird die Hälfte aller Erwachsenen mindestens einmal geimpft sein. Anders als in Deutschland scheint die Rückkehr zur Normalität im Vereinigten Königreich nur noch eine Frage von Wochen zu sein.

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 18. März 2021 um 07:31 Uhr.

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Moderation 18.03.2021 • 17:56 Uhr

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