Leere AstraZeneca-Ampullen | REUTERS

AstraZeneca-Impfstoff EMA rät vorerst nicht zu Einschränkungen

Stand: 31.03.2021 17:33 Uhr

Die Aufregung um den Corona-Impfstoff von AstraZeneca ist weiter groß. Während Deutschland den Einsatz des Vakzins nur noch für Menschen über 60 empfiehlt, sieht die EU-Arzneimittelbehörde derzeit keine Gründe für eine Einschränkung.

Die erneute Änderung der Altersgrenzen bei der Impfung mit AstraZeneca sorgt weiter für Diskussionen. Anders als Deutschland rät die EU-Arzneimittelbehörde EMA vorerst nicht zu Einschränkungen bei der Anwendung des Vakzins. "Nach dem jetzigen wissenschaftlichen Stand gibt es keine Belege, die dafür sprechen, die Verwendung dieses Impfstoffs in irgendeiner Bevölkerungsgruppe zu beschränken", sagte EMA-Chefin Emer Cooke. Eine aktualisierte Empfehlung der EMA sei für den Zeitraum vom 6. bis 9. April zu erwarten.

Die EMA erklärte, bisher habe die Überprüfung keine besonderen Risikofaktoren ergeben, etwa Alter, Geschlecht oder frühere Blutgerinnsel. "Ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Impfstoff ist nicht bewiesen, aber er ist möglich und die weitere Analyse läuft." Die EMA sei weiter der Auffassung, dass der Nutzen des AstraZeneca-Impfstoffs bei der Abwehr von Covid-19 höher sei als die Risiken von Nebenwirkungen. Geimpften riet die EMA, auf die entfernte Möglichkeit der sehr seltenen Blutgerinnsel zu achten. Sollten sie entsprechende Symptome entwickeln, sollten sie sofort medizinischen Rat einholen.

Auch WHO sieht keine Probleme

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht weiterhin eine positive Indikation für den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffes. Das Risiko-Nutzen-Verhältnis "spricht stark für seine Anwendung", sagte Alejandro Cravioto, Vorsitzender der SAGE-Impf-Expertenkommission der WHO. Viele Staaten hätten Warnsysteme für Zwischenfälle im Einsatz und hätten keine Probleme gemeldet.

Die Direktorin der WHO-Abteilung Impfungen, Kate O'Brien, sagte, es gebe auch nach der deutschen Entscheidung gegen den Einsatz des Mittels bei Menschen unter 60 Jahren keinen Anlass für eine Anpassung der Empfehlungen. Jedes Land müsse den Einsatz der Impfstoffe seinen spezifischen Bedürfnissen anpassen, sagte O'Brien. Eine Rolle spiele dabei etwa, welche anderen Impfstoffe das Land zur Verfügung habe. Wenn einzelne Länder ihr Portfolio optimieren wollten, sollten sie dies tun. Sie betonte aber: "Wir sind sehr klar in unserer Nutzen-und-Risiko-Einschätzung: Dies ist ein sicherer Impfstoff."

Bundesregierung verteidigt Einschränkung

Die Bundesregierung hatte gestern beschlossen, das Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers nur noch an Menschen über 60 Jahren zu verimpfen. Hintergrund sind Thrombose-Fälle vor allem bei jüngeren Frauen. Jüngere Menschen in den Impfgruppen eins und zwei könnten aber weiterhin "gemeinsam mit dem impfenden Arzt nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung entscheiden, mit AstraZeneca geimpft werden zu wollen", hieß es in dem Beschluss.

Bei der gesamten Impfkampagne sei das Thema Vertrauen "von enormer Bedeutung", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Dieses Vertrauen entstehe genau daraus, dass die Menschen wüssten, bei den Impfstoffen werde "ganz genau hingeguckt".

Bund und Länder hätten ebenso wie die Ständige Impfkommission (STIKO) die Erkenntnisse zu dem Impfstoff nicht ignorieren können, sagte Seibert. Wenn es Auffälligkeiten gebe, was bei den Fällen von Hirnvenenthrombosen der Fall gewesen sei, "dann wird das auch genau untersucht, dann werden alle Daten ausgewertet". Das könne auch dazu führen, dass es eine geänderte Impfempfehlung gebe. Die Überzeugung der Bundesregierung sei, "dass Vertrauen sich auch gerade daraus aufbaut".

Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die Kontrollfunktion des Paul-Ehrlich-Instituts habe gut funktioniert. "Sie haben mehr als 30 besorgniserregende Fälle registriert, es wurde intensiv geprüft und Alarm geschlagen, und jetzt reagiert man darauf. Das sollte eigentlich vertrauensbildend sein."

Verzögerungen möglich

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums verwies darauf, dass auch die Bundesländer hinter dem Beschluss stünden. Wie er organisatorisch umgesetzt werde, sei Sache der Länder. Der Sprecher räumte ein, dass es in der Anfangszeit auch zu Irritationen kommen könne. Ob die Impfkampagne dadurch verlangsamt werde, könne er nicht sagen. Der Ministeriumssprecher verwies darauf, dass es genügend Menschen über 60 Jahren gebe, bei denen AstraZeneca verimpft werden könne.

Die Bundesregierung bat die Bürger um Verständnis, dass nun zunächst einige Umorganisationen erforderlich seien. So müssten Lieferungen an Impfzentren und dann auch Arztpraxen für die Zeit nach Ostern neu austariert werden, sagte Seibert. Die Länder können nun auch entscheiden, ob sie schon jetzt 60- bis 69-Jährige zu Impfungen mit AstraZeneca einladen. "Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden dritten Welle nun schneller zu impfen", heißt es dazu im Beschluss der Gesundheitsminister von Bund und Ländern.

AstraZeneca will von April bis Juni bis zu 15 Millionen Dosen seines Impfstoffes nach Deutschland liefern. Das ist die zweitgrößte Menge nach BioNTech/Pfizer, die 40 Millionen Dosen bereitstellen wollen. Von den Impfstoffen der Hersteller Moderna und Johnson & Johnson sollen 6,4, beziehungsweise zehn Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Mehr als 2,8 Millionen Menschen wurden laut Robert Koch-Institut inzwischen mindestens einmal mit AstraZeneca geimpft. Insgesamt haben fast zehn Millionen Menschen in Deutschland bisher eine Erstimpfung erhalten.

Keine Zweifel in Großbritannien

In Großbritannien stieß die deutsche Entscheidung auf Unverständnis. Der britische Wohnungsbauminister Robert Jenrick sagte dem Nachrichtensender Sky New, er sehe weiter keinen Grund, den Einsatz des von der Universität Oxford entwickelten Impfstoffs in Frage zu stellen. Die Regierung habe 100-prozentiges Vertrauen in die Wirksamkeit des Präparats, und das sei durch verschiedene Studien, die britische Arzneimittelbehörde und jüngste Forschungsergebnisse bestätigt worden.

Mehr als elf Millionen AstraZeneca-Dosen wurden bisher in Großbritannien verimpft. Laut der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) traten bis Mitte März vier Fälle von Hirnvenenthrombosen auf, keine davon soll tödlich verlaufen sein.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 31. März 2021 um 16:01 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Moderation 31.03.2021 • 22:03 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Kommentarfunktion für dieses Thema wird nun geschlossen. Danke für Ihre rege Diskussion. Mit freundlichen Grüßen Die Moderation