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Interview

Kommandeur in Asow-Stahlwerk "Die westlichen Länder helfen ungemein"

Stand: 12.05.2022 23:58 Uhr

Für den im Asowstal-Werk eingeschlossenen Kommandeur Samojlenko ist Aufgeben keine Option. In den tagesthemen wertschätzte er die Hilfe der westlichen Länder und sprach von einem "großartigen Zeichen". Von seiner Regierung erwarte er mehr Aktion.

tagesthemen: So weit es möglich ist, könnten Sie uns schildern, wie Ihre Situation gerade aussieht?

Ilja Samojlenko: Wir sind hier seit 77 Tagen unter Dauerbeschuss. Die Stadt ist belagert und wir sind hier im Stahlwerk und können nicht raus. Wir haben keine Verbindung zum Rest des Landes. Wir sind hier komplett autonom, sind komplett abgeschnitten vom Nachschub. Wir bekommen keine Unterstützung, keine Hilfe und wir kämpfen währenddessen die ganze Zeit, jeder Einzelne von uns, gegen die Übermacht der Russen. 

Wir werden aus der Luft, vom Land und der See beschossen - aus allen Richtungen. Sie haben ganz klar eine Übermacht, aber sie haben nicht die Aufopferungsbereitschaft und die Professionalität, die wir haben, und deswegen sind wir besser.

Ilja Samojlenko | IMAGO/Cover-Images
Zur Person

Ilja Samojlenko ist Leutnant der Asow-Brigade. Er befindet sich als einer der letzten verbleibenden Kämpfer im von russischen Truppen belagerten Asowstal-Stahlwerk von Mariupol.

tagesthemen: Sie haben immer wieder gesagt, Aufgeben ist keine Option für Sie. Aber angesichts dieser Umstände, die schrumpfenden Vorräte ohne Aussicht auf Rettung durch die ukrainische Armee. Wie lange können Sie das durchhalten?  

Samojlenko: Wir können uns den Russen nicht ergeben, denn das würde für uns den unmittelbaren Tod bedeuten. Das ukrainische Militär, aber auch das Asow-Regiment werden ja als Terror-Organisation in Russland angesehen. Das stimmt natürlich nicht, aber so werden wir angesehen und deswegen wäre eine Gefangenschaft in Russland für uns katastrophal.

Die würden uns sofort verurteilen, wir würden lebenslang ins Gefängnis gehen oder sie würden uns exekutieren, wie es auch schon anderen Soldaten passiert ist. Wir denken also nicht nur über uns selbst nach. Unsere Leben bedeuten nichts, mein Leben bedeutet nichts. Die nationale Sicherheit ist das, worauf es ankommt.

"Jeder Tag könnte unser letzter Tag sein"

tagesthemen: Das klingt nach einer extrem verzweifelten Lage. Wie könnte ein Ausweg aber aussehen für Sie und die hundert anderen eingekesselten Kämpfer. Gibt es eine?

Samojlenko: Jeder Tag könnte unser letzter Tag sein. Das könnte für mich das letzte Gespräch sein. Aber wen kümmert das? Für uns ist unser Land wichtig, unsere Nation. Deshalb versuchen wir, es auf die beste Weise zu lösen. Vielleicht kann es noch internationales Eingreifen geben.

Wir sehen ja die vereinte Unterstützung aus der Europäischen Union, das ist unglaublich. Die militärische Hilfe der Europäische Union, die westlichen Länder helfen der Ukraine ungemein. Das sind großartige Zeichen. Das freut uns und für mich auch als Soldat ist das schön zu sehen und das macht mich glücklich. Die Ukraine kriegt auch finanzielle Unterstützung und das gibt mir Mut. Aber ich würde doch sagen, dass es noch mehr Unterstützung geben könnte.

Bilderstrecke

Bilder aus dem Asow-Stahlwerk

tagesthemen: Sie kämpfen für Ihr Land. Haben Sie das Gefühl, Ihr Land kämpft auch genug für Sie?

Samojlenko: Wir kämpfen so gut wie wir es können und das jeden Tag. Wir kämpfen so gut wir können, fast noch mehr als das. Und das gilt nicht nur für uns, das gilt auch für die Zivilbevölkerung. Unser Land weiß, was wir tun. Ich weiß aber nicht, ob das auch für unsere Regierung gilt.

So, wie wir das sehen, sind wir jetzt seit zwei Monaten hier verschanzt und bekommen keine Unterstützung, keine Hilfsgüter - nichts. Wir haben nur noch sehr beschränkte Ressourcen, wir sind im Grunde komplett auf uns allein gestellt.

Wir erwarten von unserer Regierung mehr Aktion, sowohl diplomatische Aktionen, wie zum Beispiel ein Daraufhinarbeiten, dass man die Situation hier in Mariupol löst und dass man zusammen mit anderen Parteien zusammenkommt und das Problem löst. Das ist alles.

tagesthemen: Danke. Danke für Ihre Zeit.

Das Gespräch führte Ingo Zamperoni.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Mai 2022 um 22:15 Uhr.