Der britische Premierminister Boris Johnson | AP

Ex-Berater erhebt Vorwürfe War Johnson Schutz von Senioren egal?

Stand: 20.07.2021 15:48 Uhr

Er habe ältere Menschen nicht schützen wollen - und trotz Pandemie darauf beharrt, die Queen persönlich zu treffen: Johnsons ehemaliger Berater Cummings erhebt erneut schwere Vorwürfe gegen den britischen Premier.

Der frühere britische Regierungsberater Dominic Cummings hat weitere Anschuldigungen gegen Premier Boris Johnson erhoben. In einem Interview, das der britische Sender BBC am Abend ausstrahlen will, erzählt Cummings, Johnson habe zu Beginn der Pandemie die Queen trotz ihres hohen Alters weiterhin persönlich treffen wollen.

Fünf Tage vor dem ersten Lockdown wollte Johnson demnach die damals fast 94 Jahre alte Monarchin erneut besuchen, obwohl seine Regierung von jedem Kontakt mit älteren Menschen abgeraten habe, berichtete Cummings. Er selbst habe seinen Chef davon überzeugen müssen, dass er Queen Elizabeth II. damit umbringen könne, wenn er sie mit dem Coronavirus anstecke, behauptete Cummings. Die Monarchin und Johnson hielten ihre wöchentlichen Audienzen schließlich virtuell ab.

"Wirtschaft nicht zerstören, nur weil Leute über 80 sterben"

Zudem habe Johnson im vergangenen Herbst keinen zweiten Lockdown verhängen wollen, weil die Opfer der Corona-Pandemie mehrheitlich Senioren gewesen seien. In Vorabauszügen der BBC-Sendung erklärte Cummings, Johnsons Haltung im Herbst 2020 "war eine seltsame Mischung aus 'Das ist alles Unsinn und Lockdowns funktionieren sowieso nicht' und 'Gut, das ist schrecklich, aber die Leute, die sterben, sind im Grunde alle über 80 und wir können die Wirtschaft nicht zerstören, nur weil Leute über 80 sterben'". Auch andere Personen hätten gehört, dass sich der Regierungschef so geäußert habe.

In Großbritannien galt ab März 2020 drei Monate lang ein strenger Lockdown, bevor die Beschränkungen im Sommer langsam gelockert wurden. Die wissenschaftlichen Berater der Regierung rieten im September zu einem weiteren Lockdown, weil die Infektionszahlen wieder stiegen. Erst Ende Oktober folgte die Regierung der Empfehlung. Ein dritter und vorläufig letzter Lockdown wurde im Januar dieses Jahres verhängt.

Laut Cummings hatte Johnson darüber hinaus die Auswirkungen der Corona-Krise auf den staatlich finanzierten Gesundheitsdienst NHS heruntergespielt. "Ich glaube dieses ganze Zeug nicht mehr, dass das Gesundheitssystem überlastet ist", zitierte er den Premier.

Chaotische Regierungsführung vorgeworfen

Seit seinem Ausscheiden aus der Regierung hat Cummings vor Abgeordneten, in Blogbeiträgen und zahlreichen Tweets Johnson eine chaotische Regierungsführung vorgeworfen. Die Versäumnisse hätten in der Pandemie zu Tausenden unnötigen Todesfällen geführt, erklärte er.

Kritiker werfen Cummings vor, er übe Vergeltung und versuche, seine eigene Verantwortung als Berater der Regierung zu verschleiern. Im kommenden Jahr soll eine Untersuchungskommission zum Umgang mit der Corona-Pandemie in Großbritannien ihre Arbeit aufnehmen.

Das Büro des Premierministers ging nicht auf die einzelnen Vorwürfe ein. Es erklärte lediglich, Johnson habe unterstützt von wissenschaftlichen Beratern seit dem Beginn der Pandemie die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um Leben und Existenzen zu schützen. Der Buckingham Palast lehnte es laut BBC ab, sich zu Cummings' Angaben zu äußern.