Menschen und Blumen am Tatort in der Lange Leidsedwarsstraat im Zentrum Amsterdam. | AFP

Nach Anschlag auf Reporter Polizei verdächtigt Polen und Niederländer

Stand: 07.07.2021 16:06 Uhr

Nach den Schüssen auf den niederländischen Journalisten de Vries in Amsterdam sind ein Pole und ein Niederländer in Haft genommen worden. Politiker und Journalisten zeigten sich entsetzt über den Anschlag.

Nach dem Anschlag auf den prominenten Kriminalreporter Peter R. de Vries vor einem TV-Studio im Zentrum von Amsterdam gelten zwei Männer als dringend tatverdächtig. Es handele sich um einen 35-jährigen Mann mit polnischer Staatsangehörigkeit und einen 21-Jährigen aus Rotterdam, wie die Amsterdamer Polizei mitteilte. Ein am Dienstagabend festgenommener Mann wurde wieder freigelassen. Er habe nichts mit der Tat zu tun.

Bei Hausdurchsuchungen seien Computer und Munition sichergestellt worden, teilte die Polizei weiter mit. Die zwei Verdächtigen wurden in Haft genommen. Sie waren nur wenige Stunden nach dem Anschlag auf der Autobahn A4 bei Leidschendam - etwa 60 Kilometer von Amsterdam entfernt - festgenommen worden.

Das Land ist entsetzt

Der Angriff auf den 64-jährigen Journalisten hat die Niederländer zutiefst entsetzt. "Das ist ein Angriff auf einen mutigen Journalisten und damit ein Angriff auf die Pressefreiheit", sagte Regierungschef Mark Rutte. Auch der niederländische König Willem-Alexander verurteilte den Anschlag auf den Investigativ-Journalisten: "Das ist ein Angriff auf den Journalismus, ein Grundpfeiler unseres Rechtsstaats", sagte der König vor Reportern am Rande eines Staatsbesuchs zusammen mit seiner Frau Máxima in Berlin. "Und damit ist es ein Angriff auf unsere verfassungsrechtliche Ordnung", so der König weiter.

Das Königshaus äußert sich in der Regel nicht zu tagesaktuellen Entwicklungen. Die Äußerungen Willem-Alexander zeigen daher den Stellenwert, den der schwer verletzte de Vries in den Niederlanden genießt.

Bestürzung über die Landesgrenzen hinaus

Auch in der EU zeigte man sich bestürzt über den Mordanschlag. EU-Ratspräsident Charles Michel sprach im Europaparlament in Straßburg ebenfalls von einem "Angriff auf unsere Grundwerte" und drückte seine Solidarität mit de Vries, seinen Angehörigen und den Niederlanden aus. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte, ihre Gedanken und Solidarität seien bei dem Journalisten. EU-Parlamentspräsident David Sassoli zeigte sich auf Twitter schockiert von dem Angriff. Anschläge gegen Journalisten seien "Anschläge gegen uns alle", schrieb er. Die Medien seien das Rückgrat der Demokratie.

Inzwischen reagierte auch die Bundesregierung auf die Tat: "Ich möchte an dieser Stelle für die Bundeskanzlerin und die gesamte Bundesregierung unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme zum Ausdruck bringen", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz. Es handele sich um einen "hinterhältigen Anschlag", die Bundesregierung wünsche dem Reporter eine rasche Genesung. "Unsere Gedanken sind bei dem Verletzten und seinen Angehörigen."

Sofern sich bestätigen sollte, dass der Reporter aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit angegriffen wurde, sei dies "ein klarer Angriff auf die Pressefreiheit gewesen", sagte Fietz weiter. Das sei "inakzeptabel". Meinungs- und Pressefreiheit seien ein hohes Gut, die es mit allen Mitteln zu verteidigen gelte.

"Pressefreiheit bis ins Mark getroffen"

Auch Deutsche Journalistenverbände sind schockiert: "Dieser Anschlag hat den unabhängigen Journalismus und die Pressefreiheit bis ins Mark getroffen", erklärte die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju in ver.di), Monique Hofmann. Und der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall, erklärte: "Das war der gezielte Versuch, Journalistinnen und Journalisten einzuschüchtern, die über organisierte Kriminalität berichten."

Überall befürchtet, dass die organisierte Kriminalität nicht nur in den Niederlanden gnadenlos zuschlage, wenn es sich durch journalistische Recherchen gestört fühle. "Umso wichtiger ist es, dass Journalisten mit Themenschwerpunkt 'Organisierte Kriminalität' umfassend geschützt werden."

Hintergründe weiter unklar

Die Hintergründe der Tat sind derzeit noch weitgehend unklar. De Vries ist derzeit als Berater des Kronzeugen in einen Prozess gegen das organisierte Verbrechen involviert. Die darin wegen angeblicher Drogengeschäfte angeklagte Person habe de Vries Berichten zufolge auf eine Art Todesliste gesetzt.

Der Journalist ist der führende Kriminalreporter der Niederlande und tritt regelmäßig auch als Sprecher von Opfern oder Zeugen bei Prozessen auf. Regelmäßig ist er auch Gast bei TV-Talkshows. International bekannt wurde der Reporter 1987 mit seinem Bestseller über die Entführung des Bierbrauers Freddy Heineken. 2008 gewannt er einen Emmy Award für seine Reportagen über den Fall von Natalee Holloway. Die Amerikanerin war 2005 auf Aruba verschwunden und vermutlich von einem Niederländer getötet worden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. Juli 2021 um 10:00 Uhr.