Mitglieder der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) bei der Inspektion des Kernkraftwerks Saporischschja. | dpa

IAEA am AKW Saporischschja Zwei Inspektoren sollen bleiben

Stand: 02.09.2022 21:43 Uhr

Eine IAEA-Expertengruppe hat die Kontrollen am AKW Saporischscha offenbar fortgesetzt. Zwei Inspektoren sollen nach russischen Angaben dauerhaft bleiben. Der ukrainische Kraftwerksbetreiber Enerhoatom zweifelt, dass die Mission zur Klärung beitragen kann.

Am ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja haben die Experten der Internationalen Atomenergieagentur IAEA offenbar ihre Kontrollen fortgesetzt. Laut der Nachrichtenagetur dpa befindet sich noch eine fünfköpfige IAEA-Expertengruppe zur Einschätzung der Sicherheitslage vor Ort. Wie lange diese dauern soll, ist zunächst weiter unklar.

Zwei IAEA-Inspektoren werden nach russischen Angaben dauerhaft im ukrainischen Kernkaftwerk Saporischschja bleiben. Das berichtet die Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf einen russischen Botschafter in Wien.

IAEA-Chef Grossi will sich äußern

Einige Mitglieder der IAEA-Mission hatten das Kraftwerk am Donnerstagabend bereits wieder verlassen. IAEA-Chef Rafael Grossi, der das Team der Inspekteure auf ihrem Weg nach Saporischschja begleitet hatte, soll sich bereits wieder auf dem Rückweg befinden. Er wollte noch am Abend in Wien, wo die Behörde ihren Sitz hat, vor die Presse treten.

Der Kreml bezeichnete die Inspektion als "sehr positiv". Kremlsprecher Dmitri Peskow lobte vor Journalisten, dass "die Delegation trotz der Schwierigkeiten und Probleme angekommen ist und ihre Arbeit aufgenommen hat". Es sei zwar noch "zu früh" für eine Bewertung, doch das Wichtigste sei, dass die Mission stattfinde, sagte Peskow weiter.

Saporischschja ist das größte Atomkraftwerk in Europa. Es liegt im Süden der Ukraine und ist seit März von russischen Streitkräften besetzt. Betrieben wird das AKW nach wie vor von ukrainischen Technikern. Der Besuch der IAEA-Delegation unter Leitung von Grossi war mit Spannung erwartet worden, nachdem das Gebiet in den vergangenen Wochen immer wieder beschossen worden war und die Angst vor einer Atomkatastrophe wuchs. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Angriffe verantwortlich. 


Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu warf der Ukraine auch am Freitag vor, das AKW zu beschießen und damit eine nukleare Katastrophe in Europa zu riskieren. Er beschuldigte die Ukraine des "nuklearen Terrorismus". Russland habe keine schweren Waffen auf oder um das Gelände des AKW geschafft, wies Schoigu entsprechende Aussagen der Ukraine und des Westens zurück. "Ich hoffe, dass sich das Team der IAEA davon überzeugt", erklärte Schoigu.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Ukrainischer AKW-Betreiber: "Die Besatzer lügen"

Der ukrainische Betreiber des Kraftwerks Enerhoatom äußerte derweil Zweifel an einer neutralen Begutachtung des Kraftwerks durch die internationale Atomenergiebehörde. Aufgrund des russischen Einflusses sei eine unabhängige Bewertung durch die IAEA schwierig, teilte Enerhoatom mit. Zudem werde der IAEA-Delegation der Zutritt zum Krisenzentrum der Anlage verwehrt, wo sich nach ukrainischen Angaben russische Soldaten aufhalten. "Die Besatzer lügen, verzerren die Fakten und Beweise, die bezeugen, dass sie das Kraftwerk beschießen und die die Konsequenzen der Zerstörung der Infrastruktur zeigen."

Block 5 wieder am Netz

Enerhoatom teilte weiter mit, dass ein nach Beschuss abgeschalteter Reaktor wieder ans Netz gegangen ist. Der Block 5 werde gerade wieder auf volle Leistung gebracht, teilte der Betreiber beim Nachrichtenkanal Telegram mit. Wegen Mörserbeschuss war tags zuvor eine Notabschaltung eingeleitet worden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte erneut den Abzug aller Truppen aus dem Atomkraftwerk. "Das Wichtigste, was passieren muss, ist die Entmilitarisierung des Atomkraftwerksgeländes", sagte Selenskyj in einer Videoansprache am späten Donnerstagabend. Die Ukraine müsse die volle Kontrolle über das Kraftwerk und die ukrainischen Mitarbeiter zurückerhalten. Die russische Besetzung des Atomkraftwerks schwäche auch erheblich die Fähigkeit der Ukraine, die europäische Energiebranche zu unterstützen. Selenskyj warb dafür, dass die Ukraine auch Europa mit Strom versorge. Trotz aller Schwierigkeiten könne sein Land etwa acht Prozent des Bedarfs von Italien decken.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/01.09.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/01.09.2022

Schoigu sieht Gegenoffensive der Ukraine im Süden gescheitert

Unterdessen gehen die Kampfhandlungen in der Ukraine weiter: Die von der Ukraine gestartete Gegenoffensive im Süden des Landes ist aus Sicht des russischen Verteidigungsministers Schoigu weitgehend gescheitert. "Die ukrainischen Streitkräfte setzen den Versuch von Angriffen im Raum zwischen Mykolajiw und Krywyj Rih und in anderen Richtungen fort, der Feind erleidet hohe Verluste", sagte er. Kiews einziges Ziel bei der Offensive sei es, "bei den westlichen Kuratoren die Illusion zu erzeugen, die ukrainische Armee sei zu Angriffen fähig".

Kiew meldete, fünf Munitionslager der Russen bei Cherson vernichtet zu haben. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Nach Angaben des für Kriegsgefangene zuständigen Koordinationsstabs tauschten die Ukraine und Russland im Gebiet Donezk Gefangene aus. Es seien 14 Ukrainer freigekommen, darunter ein Offizier.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. September 2022 um 17:00 Uhr sowie tagesschau24 um 11:00 Uhr.