Ein betonierter Weg führt die Akropolis entlang bis zum Parthenon-Tempel. | Jörg Seisselberg

Akropolis in Athen Zementplatten bis zum Parthenon

Stand: 13.06.2021 08:37 Uhr

Um Touristen den Zugang zur UNESCO-Weltkulturerbestätte zu erleichtern, hat die Stadt Athen mitten durch das Akropolis-Gelände eine Beton- und Zementpiste verlegt. Ausgerechnet bei vielen Besuchern kommt das nicht gut an.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Deutsche Touristen sind noch fast keine in Athen. Aber Rémy aus Lille in Frankreich kommt gerade den Hügel der Akropolis hinunter und schüttelt den Kopf darüber, was sich auf dem Gelände in der Pandemie-Zeit getan hat: "Ich finde es sehr schade. Dieser neue Weg, den sie dort gebaut haben, nimmt viel von der Urspünglichkeit", sagt er. "Die Stätte ist ein Erbe der ganzen Welt und das macht das Ganze noch unakzeptabler."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Auch der junge portugiesische Tourist Goncalo aus Faro ist enttäuscht nach seinem Besuch der Akropolis angesichts der dortigen Veränderungen. "Es zerstört ein bisschen die Architektur des Ortes. Alles gehört hier zusammen. Es ist ein archäologischer und kein touristischer Raum", meint er.

Die Betonpiste durch die Akropolis soll Touristen den Weg einfacher machen. Bei vielen von ihnen kommt sie aber gar nicht gut an. | dpa

Die Betonpiste durch die Akropolis soll Touristen den Weg einfacher machen. Bei vielen von ihnen kommt sie aber gar nicht gut an. Bild: dpa

Um Touristen den Zugang zu diesem Ort des UNESCO-Weltkulturerbes zu erleichtern, hat Athen die Zeit der Reisesperren während der Pandemie genutzt, um quer durch das Akropolis-Gelände eine neue Beton- und Zementpiste zu legen.

Auf den ersten Blick wirkt es, als habe sich eine Schnellstraße an den falschen Ort verirrt. Es ist aber ein großzügig dimensionierter Fußweg, der fast direkt zu den Säulen des weltberühmten Tempels der Athener Stadtgöttin hinaufführt. Stellenweise ist die Piste mehr als elf Meter breit, an der Basis aus Stahlbeton, darüber sandfarbene Zementplatten.

Architekt Korrès versteht die Aufregung nicht

Ein "Verbrechen" gegen die Akropolis sei dies, findet Dèspina Koutsoumba, Präsidentin der Vereinigung der griechischen Archäologen: "Dieses Werk beschädigt den Ort. Denn es bedeckt Teile des Felsens, die integraler Bestandteil dieser archäologischen Stätte sind."

Neben dem Parthenon-Tempel steht Manolis Korrès und kann die Aufregung nicht verstehen. Der 73-jährige Architekt, seit Jahrzehnten in Restaurierungsarbeiten rund um die Akropolis eingebunden, ist für die Gestaltung des neuen Wegs verantwortlich.

"Jeder Eingriff an einem Baudenkmal verursacht ästhetische Probleme", meint er. "Restaurierung ist immer ein kontroverser Prozess. Sie löst Probleme und schafft andere. Wichtig ist abzuwägen, welches die Vor- und welches die Nachteile sind."

Für die Besucherinnen und Besucher, findet Korrès, überwiegen die Vorteile. Vorher hätten sie auf den unebenen historischen Steinen stets aufpassen müssen, nicht zu stolpern: "Sie gingen mit dem Blick nach unten und haben nicht auf die Bauwerke schauen können. Jetzt kannst du, während du gehst, die sich verändernden Perspektiven bewundern. Das ist eine außergewöhnliche Erfahrung."

Gestaltung "respektiert die Geschichte"

Die griechische Regierung ist Auftraggeberin des umstrittenen neuen Werks. Ein Ziel sei gewesen, die Tempelanlage für alle leichter erreichbar zu machen - auch für Rollstuhlfahrer. Kritiker allerdings entgegnen, der Anstieg des Beton-Zement-Weges sei an einigen Stellen steiler als sechs Prozent und daher per Rollstuhl kaum zu bewältigen.

Kulturministerin Lina Mendoni räumt diesen Fehler ein, verteidigt aber grundsätzlich das Projekt: Die Gestaltung respektiere die Geschichte der Akropolis, meint sie.

Am Ausgang des Besichtigungsgeländes ist Reinhild Dehning unschlüssig. Die gebürtige Hamburgerin, die seit Jahren in Piräus lebt, hat wieder einmal die Akropolis besichtigt und die neue Beton-Zement-Piste selbst begangen. "Man hat zwei Seiten", sagt sie. Die Betonstrecke sei bequemer zu laufen - "das ist für viele, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, einfacher. Früher war es ursprünglicher, aber auch etwas beschwerlicher."

Die Aufregung um die Neugestaltung des Akropolis-Geländes hat mittlerweile auch das Parlament erreicht. Oppositionsführer Alexis Tsipras hält der Regierung vor, sie missbrauche das kulturelle Erbe Griechenlands. Die Regierung dagegen beeilt sich zu betonen: Unter dem neuen Bauwerk seien Membranen eingeführt worden, die ein eventuelles Entfernen der Beton-Zement-Piste in späterer Zeit erleichtern sollen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2021 um 05:49 Uhr.