Eine Krankenschwester führt im Krankenhaus "Ramon y Cajal" in Madrid einen PCR-Test zur Erkennung des Affenpockenvirus durch.  | dpa

Appell der WHO Gemeinsam gegen die Affenpocken

Stand: 15.06.2022 15:52 Uhr

Die Affenpocken verbreiten sich weiter in Europa - deshalb fordert die WHO dringend gemeinsame Kraftanstrengungen von Regierungen und Gesundheitsorganisationen. Zudem sollten Impfstoffe gerecht verteilt werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat wegen des Affenpocken-Ausbruchs dringend gemeinsame Anstrengungen und eine gerechte Impfstoffverteilung angemahnt. Um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen, müssten Regierungen, Gesundheitsorganisationen und Zivilgesellschaften dringend gemeinsam handeln, sagte Hans Henri Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. Die Fehler der Covid-19-Pandemie, etwa der Egoismus vieler Länder im Umgang mit Impfstoffen, dürften nicht wiederholt werden.

Je länger es zirkuliert, desto größer die Reichweite

Europa bleibe das Epizentrum des sich vergrößernden Ausbruchs - mit 25 Ländern, die mehr als 1500 Fälle gemeldet hätten, sagte Kluge. Das seien etwa 85 Prozent der weltweiten Gesamtzahl. "Das Ausmaß dieses Ausbruchs stellt ein echtes Risiko dar; je länger das Virus zirkuliert, desto größer wird seine Reichweite und desto stärker wird die Krankheit in nicht-endemischen Ländern Fuß fassen." Damit meinte er Länder, in denen das Virus bis Mai dieses Jahres nicht oder nur selten aufgetreten war.

Keine Veranstaltungen absagen

Das Virus nutze die Gelegenheiten zur Ausbreitung, die sich bieten - es sei nicht per se mit einer bestimmten Gruppe verbunden, sagte Kluge. Bisher sei die Erkrankung in Europa jedoch hauptsächlich bei Männern, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, nachgewiesen worden. Dennoch sei der Ausbruch kein Grund, etwa geplante Pride-Veranstaltungen abzusagen, sagte Kluge. Der Sommer mit zahlreichen Events und Festivals sei vielmehr eine Gelegenheit, Teilnehmer mit Informationen über die Krankheit zu erreichen.

Steve Taylor, Direktor der European Pride Organisers Association, unterstrich in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Kluge und mit Blick auf rund 750 geplante Pride-Events die Zusammenarbeit mit der WHO: Man wolle mit Fakten darauf hinwirken, dass die Menschen sich, ihre Liebsten und ihre Community schützen könnten.

Fairer Zugang zu Impfstoffen

Besorgt zeigte sich Kluge, dass reiche Länder Impfstoffe aufkauften, ohne über eine Versorgung Afrikas zu sprechen. Deshalb bereitet die WHO ein Verfahren für das Teilen von Impfstoffen vor. Damit solle der Ausbruch des in einigen afrikanischen Ländern endemischen Virus über Afrika hinaus gestoppt werden, erklärte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Es sei eine Initiative für "fairen Zugang" zu Impfstoffen und Behandlungsverfahren, die in den nächsten Wochen einsatzbereit sein sollten.

Vorgeschlagen wurde der Teilhabe-Mechanismus, nachdem in Europa und Nordamerika - insbesondere Großbritannien, Deutschland, Frankreich sowie in Kanada und den USA - Hunderte von Affenpocken-Fällen aufgetreten sind. Der etablierte Impfstoff gegen Pocken ist vermutlich zu rund 85 Prozent wirksam gegen Affenpocken.

Kluge rief Regierungen dazu auf, in ihrem Kampf gegen Affenpocken nicht die Fehler der Corona-Pandemie zu wiederholen. Er sei nicht dagegen, dass beispielsweise Großbritannien Impfstoffe aus dem Teilhabe-Mechanismus bekomme. Das Programm sei für alle Länder und sollte größtenteils nach deren epidemiologischen Bedarf Impfstoffe verteilen.

Start der Impfkampagne in Afrika?

Afrikanische Fachleute monierten, dass die WHO nie den Impfstoffeinsatz gegen Affenpocken in den zentral- und westafrikanischen Ländern vorgeschlagen habe, in denen das Virus endemisch sei. "Der Ort für den Start einer Impfkampagne sollte in Afrika und nicht woanders sein", sagte der geschäftsführende Direktor des Afrika-Zentrums für Krankheitskontrolle und Vorbeugung, Dr. Ahmed Ogwell. Der Mangel an Impfmitteln in Afrika, wo es in diesem Jahr 1500 mutmaßliche Erkrankungen und 72 Tote durch Affenpocken gab, sei eine größere Sorge als die meist milden Krankheitsverläufe in reichen Ländern.

"Das ist eine Erweiterung der Ungleichheit, die wir während Covid (-19) gesehen haben", sagte der Direktor der Organisation Nigeria Health Watch, Dr. Ifeany Nsofor. "Wir haben von 2017 bis heute Hunderte von Affenpocken-Fällen in Nigeria und wir gehen damit auf uns alleine gestellt um." Niemand habe jemals diskutiert, wann Impfstoffe für Afrika verfügbar sein könnten.

Neuer Name für die Affenpocken

Außerdem will die WHO den Affenpocken einen neuen Namen geben. Es gebe seit langem Bestrebungen, Krankheiten nicht mehr nach Tieren oder Regionen zu benennen, um jeglicher Möglichkeit von Diskriminierung oder Stigmatisierung vorzubeugen, sagte ein WHO-Sprecher. Der Begriff Affenpocken etwa könne auf eine Herkunft aus Afrika hindeuten, so der Sprecher.

Bis Mai waren das Virus und die Krankheit zwar fast ausschließlich aus Afrika bekannt, aber der Name war ohnehin schon irreführend: Das Virus wurde 1958 in Dänemark zwar erstmals bei Affen in einer Versuchsanstalt nachgewiesen. Allerdings dürfte es nach heutigen Erkenntnissen eher unter kleinen Nagetieren verbreitet sein. Die Affen gelten nur als Zwischenwirt.

Zu den Wegen, auf denen das Virus übertragen werden kann, gehören enger Körperkontakt, etwa beim Sex, und längerer Face-to-Face-Kontakt. Letzteres kann zum Beispiel eine Infektion über Tröpfchen sein. Für Deutschland spricht das Robert Koch-Institut (RKI) mit Stand Mittwoch von 263 bestätigten Fällen.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Brisant am 23. Mai 2022 um 17:15 Uhr.