Ein glühender Lavastrom fließt über den Ątna. | dpa
Reportage

Ätna auf Sizilien Eindrucksvoll, beängstigend und geliebt

Stand: 11.03.2021 08:58 Uhr

Immer wieder brodelt der Ätna auf Sizilien - zuletzt waren Straßen und Dächer Catanias von einer schwarzen Lava-Decke überzogen. Doch wie leben die Menschen in der Gegend mit einem der aktivsten Vulkane auf der Erde?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Majestätisch thront er über der Stadt, an diesem Tag wolkenumspielt. Auch von der Piazza Duomo im Zentrum Catanias, wo Silvia Madonia in einem Café einen Ginsengkaffee trinkt und schmunzelnd den Kopf schüttelt. Auch sie, die hier geboren ist, habe der Ätna in diesen Tagen überrascht, sagt die Sprachlehrerin: Obwohl sie Catanierin sei, habe sie das zum ersten Mal während eines Spaziergangs im Zentrum erlebt. Als sie aus einem Geschäft kam, sei ein heftiger Lavaregen mit Steinchen heruntergekommen. "Das Gefühl war schon beängstigend, auch für eine Sizilianerin, sagt die 56 Jahre, die mit dem Blick auf den über 3000 Meter hohen Vulkan groß geworden ist.

Es war ein Regen. Aber nicht aus Wasser, sondern aus schwarzem Sand, aus Lavagestein. Generell kennen wir so etwas hier, aber diesmal waren ziemlich große Gesteinsbrocken darunter. Wie Hagel. Nur dass es keine Hagelkörner waren, sondern kleine schwarze Steine.
Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Überzogen mit einer schwarzen Decke

Die Straßen Catanias waren danach mit einer schwarzen Decke überzogen, das Lavagestein musste wie Schnee beiseite geschaufelt und gefegt werden. Rund ein Dutzend Mal in den vergangenen vier Wochen wurde die Gegend um den Ätna von einem derartigen Gesteinsregen heimgesucht.

Was der Vulkan derzeit ausspuckt, komme aus dem Inneren der Erde, erklärt Boris Behncke vom italienischen Ätna-Beobachtungsinstitut für Geophysik und Vulkanologie im Skype-Interview mit dem ARD-Studio Rom: Die Quelle allen Übels liege in 30 Kilometern Tiefe, an der oberen Grenze des Erdmantels, sagt er.

Vulkanologe: "Der sogenannte Champagnereffekt"

Magma, über 1000 Grad heiß, geschmolzenes Gestein, drückt von dort Richtung Erdoberfläche - über verschiedene "Stockwerke", erklärt der Vulkanologe. Vermutlich habe es sich eine kurze Zeit, die letzten Monate, in vielleicht zehn Kilometern Tiefe angesammelt und steige jetzt von dort auf, so Behncke.

Im Unterschied zu anderen Aktivitäten des Vulkans, sagt Ätna-Experte Behncke, sei das Magma diesmal relativ schnell nach oben gekommen. "Dadurch kommt es dann auch zu diesen sehr heftigen Ausbrüchen, weil sehr viel Gas drin ist. Das ist dann der sogenannte Champagnereffekt."

Der sich an der Erdoberfläche in Lavafontänen und Lavaströme verwandelt und für ein eindrucksvolles, optisches Schauspiel sorgt, wiedergegeben auf Bildern, die derzeit um die Welt gehen. Einer schaurigen Faszination, der sich auch Silvia Madonia, die Lehrerin aus dem Lavaregen, nicht entziehen kann.

Das beeindruckt mich immer wieder, auch wenn ich den Anblick gleichzeitig beängstigend finde. Und es wäre dumm, das Ganze nur mit einem quasi touristischen Auge zu sehen. Denn ich weiß, dass es auch große Schäden anrichtet für Menschen, an Sachen, für die Wirtschaft.

Einer, der diese Schäden tragen muss, ist Renato Maugeri. In Giarre, 40 Autominuten von Catania entfernt, steht er inmitten seiner riesigen Zitronenbaumplantage und deutet über die Bäume hinweg den Ätna hinauf: Der Wind habe eine Menge Lavasand herübergeweht hier nach Giarre und habe die ganze Gegend beschädigt.

Beschädigte Zitronenpflanzen

Genauer gesagt die vielen Tausend Zitronenbäume, von denen im kleinen Streifen zwischen dem Ätna und dem Ionischen Meer, die Plantagenbesitzer und ihre Beschäftigten leben. Wie so häufig in diesen Tagen schossen wieder einmal Lavafontänen aus dem Vulkanschlund. Es bildete sich eine dunkle Wolke. Der Wind trieb sie diesmal Richtung Giarre, bevor die Lavasteinchen abkühlten und zu Boden regneten. Maugeri greift in einen seiner Bäume, zeigt eine mit Lavasand überzogene Zitrone und Gesteinsbrocken, die in den Pflanzen hängen. "Wie Sie sehen, sind das Zitronenpflanzen, die beschädigt worden sind. Sie haben kleine Schadstellen durch das Lavagestein, das runtergefallen ist."

Warten auf den Regen zum Sauberwaschen

Mit diesen Schadstellen seien die Zitronen im Handel nicht mehr zu verkaufen, der Lavasand beschädige zudem die Schale. Wenn in den nächsten Tagen kein heftiger Regen komme, der die Zitronen sauber wasche, dann, sagt Maugeri, sei die Ernte für dieses Jahr nicht mehr zu retten. 50 bis 100 Millionen Euro, befürchtet er, könne die Landwirtschaft in der Region durch den Ausbruch des Ätnas in diesem Jahr verlieren. Das Erstaunliche ist: Trotz seiner auch persönlichen wirtschaftlichen Einbußen nimmt Maugeri dem Vulkan seinen derzeitigen Ausbruch nicht übel.

Für uns ist der Ätna einer von uns, wir fühlen uns ihm sehr nah. Letztendlich hat er uns nie wirklich wehgetan, hat fast nie jemanden getötet. Auch wenn es mal heftige Ausbrüche gibt, lässt er uns immer noch die Zeit, uns in Sicherheit zu bringen. Der Ätna ist ein guter Berg, er ist unsere Mama.
Nach Ätna-Ausbruch: Schwefeldioxid und Vulkanasche an der Zugspitze

Der Ausbruch des Ätna ist auch auf der Zugspitze messbar gewesen. Nur zwei Tage nach der Eruption des Vulkans im Süden Italiens am 22. Februar stellten Forscher der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus (UFS) bereits Schwefeldioxid und Aschepartikel fest.

Die Messstelle des Deutschen Wetterdienstes (DWD) unterhalb des Zugspitzgipfels registrierte in der Atmosphäre in der letzten Februarwoche bis zu 20 ppm (parts per million = Teilchen pro 1 Millionen Luftteilchen) an Schwefeldioxid - der Normalwert liegt in der Regel unter 1 ppm. Auch die Aschepartikel in der Luft nahmen stark zu. Die Werte korrelierten zeitlich mit den Ausbrüchen des mehr als 1000 Kilometer entfernten Ätna auf Sizilien.

(Quelle: dpa)

Ätna - weder gutmütig noch bösartig

Richtig ist, dass der Vulkan nicht nur Ernte nimmt, wie in diesem Jahr, sondern auch gibt - durch besonders fruchtbaren Boden, der es der Landwirtschaft in dieser Region ermöglicht, besonders hochwertige Produkte herzustellen. Vulkanologe Behncke aber sagt: Die Mär vom guten Ätna sei falsch. Er versuche den Leuten hier immer zu erklären, dass der Ätna weder gutmütig noch bösartig sei - sondern ein aktiver Vulkan.

"Und ich denke, das haben wir alle als Kinder gelernt. Sobald wir etwas von einem Vulkan gehört haben, haben wir gehört, das ist etwas Problematisches, das kann kaputt machen, das kann töten, so Behncke. Und er fügt hinzu: Der Ätna sei einer der aktivsten Vulkane auf der Erde. Er sei dazu in der Lage, auch Probleme zu verursachen.

Ausbruch an der Bergflanke wäre ein größeres Problem

Beim derzeitigen Ausbruch, erklärt Behncke, dränge das Magma zum Gipfel, von wo aus es als Lavafontäne herausschießt und als Lavamasse herausströmt, in unbewohnte Gegenden. Aber, sagt der Vulkanologe: "Sollte ein Ausbruch an der Bergflanke stattfinden, in geringerer Berghöhe und näher an den bewohnten Gebieten, dann wäre das schon ein größeres Problem."

Die Menschen in der Gegend leben die Situation mit einer Mischung aus Gelassenheit und Fatalismus. Oder wie die Lehrerin und gebürtige Catanierin Madonia sagt: Wer hier wohne, der weiß, dass Ätna die Chefin ist.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. März 2021 um 07:42 Uhr.