EU-Gipfelkonferenz am 14. Dezember 1973 in Kopenhagen mit Bundeskanzler Willy Brandt, Ministerpräsident Anker Jörgensen, Staatspräsident Georges Pompidou, Ministerpräsident Edmund Leburtin, Premierminister Edward Heath, Ministerpräsident Liam Cosgrave, Ministerpräsident Joop den Uyl, Ministerpräsident Mariano Rumor und Pierre Werner

Verhältnis Großbritannien und Europa Schon immer etwas angespannt

Stand: 22.06.2016 14:59 Uhr

Mit Europa tun sich die Briten seit jeher schwer: Nach langem Hin und Her traten sie erst 1973 dem EU-Vorläufer EWG bei, um kurz danach ein erstes Referendum abzuhalten - mit erstaunlichen Parallelen zur aktuellen Politik. Ein Rückblick auf eine schwierige Beziehung.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

19. September 1946: Europa lag noch in Trümmern, als der britische Premier Winston Churchill einer Einladung an die Universität Zürich folgte und dort seine Vision von der Zukunft Europas vorstellte. "Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten."

Die Schwächung der Nationalstaaten, der Aufbau eines föderalen Europa und die Integration des Aggressors Deutschland in die Vereinigten Staaten von Europa - das war die Lehre, die Churchill aus zwei schrecklichen Weltkriegen zog, sein Rezept für eine friedliche Zukunft Europas. Aber wo sah Churchill sein eigenes Land in diesem Prozess?

"Bei all diesen dringenden Aufgaben müssen Frankreich und Deutschland zusammen die Führung übernehmen. Großbritannien, das britische Commonwealth, das mächtige Amerika und - so hoffe ich wenigstens - Sowjetrussland sollen die Freunde und Förderer des neuen Europa sein - und dessen Recht zu leben und zu leuchten beschützen."

Winston Churchill und Charles de Gaulle 1960 in London
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Winston Churchill (links) - hier mit Charles de Gaulle 1960 in London - wollte, dass Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenwächst - allerdings ohne Großbritannien.

Neues Europa als Lehre aus Zweitem Weltkrieg

Churchills Idee der Vereinigten Staaten von Europa war revolutionär, doch für sein eigenes Land hatte der Sieger des Zweiten Weltkriegs darin keinen Platz vorgesehen. Der Kontinent - mit Franzosen und Deutschen an der Spitze - machte sich auf, ein neues Europa zu schaffen. Und die Briten schauten zu. Gelegenheiten, doch noch mitzumachen, gab es immer wieder, auch schon ganz am Anfang.

1950 stellte der französische Außenminister Robert Schuman seinen Plan vor, die deutsche und die französische Kohle- und Stahlindustrie, also die Grundlage der Rüstung, dem nationalen Einfluss zu entziehen und einer europäischen Behörde zu unterstellen.

Dreiwöchige Beratungen - am Ende ein Nein

Schuman schickte damals seinen besten Mann, Jean Monnet, nach London, um die Briten zum Mitmachen einzuladen. Drei Wochen lang beriet die britische Regierung, ohne eine Entscheidung zu treffen. Am Ende setzten die Franzosen den Briten eine Frist von 24 Stunden, was die Briten erstens verstimmte und zweitens zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt traf: Der Premierminister war gerade nicht in London, der Außenminister war im Krankenhaus, der Finanzminister lag krank zu Hause - das Restkabinett sah sich nicht in der Lage, eine Entscheidung für den Beitritt zur Montanunion zu treffen.

Großbritannien war auch nicht dabei, als die sechs Montanstaaten 1957 die Römischen Verträge unterschrieben und die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, gründeten.

Unterschreibung der Römischen Verträge im Jahr 1957
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Am 25. März 1957 unterzeichneten die Regierungschefs von sechs Staaten die Römischen Verträge. Mit dem Inkrafttreten am 1. Januar 1958 bildete sich die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG und die Europäische Atomgemeinschaft EURATOM. Großbritannien war nicht dabei.

Schmidt enthält sich

Ein gemeinsamer europäischer Markt ohne die Briten - ein junger SPD-Abgeordneter fand das nicht in Ordnung und enthielt sich im Bundestag der Stimme, als es dort in Bonn um die Ratifizierung der Römischen Verträge ging: "Großbritannien war nicht drin - ich fand, das war ein Riesenfehler. Ich war ein überzeugter Europäer, aber ich dachte, das würde schief gehen, wenn Großbritannien nicht dabei wäre. Und deshalb habe ich mich enthalten", sagte Helmut Schmidt später der BBC.

1957 war Harold Macmillan britischer Premierminister, eigentlich kein Freund eines Beitritts Großbritanniens zur EWG. Doch schon nach kurzer Zeit änderte er seine Haltung. Macmillan realisierte, wie schnell sich der europäische Kontinent durch den Wegfall der Handelsschranken von den Kriegsfolgen erholte, Großbritannien dabei zurück blieb und Deutschland den Wirtschaftsaufschwung dominierte.

Dafür habe man nicht zwei Weltkriege gegen Deutschland gefochten, schrieb Macmillan in einer Aktennotiz und zog daraus die Konsequenz: If you can't beat them, join them - wenn du sie nicht schlagen kannst, dann mache mit ihnen gemeinsame Sache.

Charles de Gaulle und Harold Macmillan
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Frankreichs Präsident de Gaulle (links) machte sich über die Briten lustig - sehr zum Missfallen von Premier Harold Macmillan (rechts).

De Gaulle demütigt Macmillan

Doch plötzlich gab es völlig unerwarteten Widerstand: Der französische Präsident Charles de Gaulle stellte sich quer. Der Gipfel in Rambouillet zwischen de Gaulle und Macmillan wurde 1963 zu einer Demütigung des britischen Premiers. Vor der versammelten internationalen Presse machte sich der französische Präsident dann auch noch über die Briten lustig, als er fand, dass das Land eigenwillige Traditionen und Gewohnheiten habe:

"England ist eine Insel, eine Seenation. Die Natur, die Struktur, die Wirtschaftskonjunktur, die dem Land eigen sind, unterscheiden sich fundamental von den Nationen auf dem Kontinent. Aber natürlich, vielleicht ändert sich ja England in ausreichendem Maße und passt dann eines Tages zur Europäischen Gemeinschaft."

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