Blick in ein Fußballstadion bei der EM 2016
Interview

Bilanz der EM-Gruppenphase "Deutschland bleibt mein Favorit"

Stand: 23.06.2016 16:12 Uhr

Die Gruppenphase der Europameisterschaft stand zunächst unter keinem guten Stern: Zu viel Taktik, zu viel Gewalt, meint WDR-Sportmoderator Sven Pistor. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er, warum jetzt alles besser wird und was das deutsche Team auszeichnet.

tagesschau.de: Schlecht besuchte Fanmeilen, nur wenige geschmückte Autos - in Deutschland scheint die Europameisterschaft bislang auf begrenzte Begeisterung zu stoßen. Wie erleben Sie die Stimmung im Gastgeberland Frankreich?

Sven Pistor: Auch hier in Frankreich waren die Reaktionen bislang verhalten. Dafür ist im Vorfeld einfach zu viel über Terrorgefahren und Sicherheitsbedenken diskutiert worden. Vor allem in der ersten Woche habe ich eine "graue" EM erlebt, die sich durch viele Themen ausgezeichnet hat, aber nicht durch sportliche Highlights. Erst jetzt, mit Ende der Gruppenphase, stellt sich langsam das Gefühl eines Fußballfestes ein, das ich lange vermisst habe.

Sven Pistor
Zur Person

Seit 1997 arbeitet Sven Pistor für den WDR-Hörfunk. Er moderiert unter anderem die Sendungen "Liga live" und "Sportzeit" auf WDR 2. Der Fan des 1. FC Köln wurde mit dem Deutschen Radiopreis für die Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft 2010 ausgezeichnet.

tagesschau.de: Die Gruppenphase war zum einen von brutalen Ausschreitungen geprägt, zum anderen durch strikte Sicherheitskontrollen aus Furcht vor Anschlägen. Lässt sich unter diesen Umständen überhaupt ein unbeschwertes Fußballfest feiern?

Pistor: Die Bilder aus zum Beispiel Marseille vor und nach dem Spiel Russland gegen England waren entsetzlich. Auch in den Stadien selbst konnte niemand unbeschwert fröhlich sein, sondern musste ständig Angst vor dem nächsten Pyro und der nächsten Randale haben.

tagesschau.de: Wie bewerten Sie die Rolle der europäischen Fußballverbands UEFA? Wurde energisch genug auf die Ausschreitungen reagiert?

Pistor: Stellenweise ja. Aber die UEFA hat eben reagiert und nicht agiert. Etliche Vorkommnisse, wie eben diese komplette Eskalation in Marseille, hätten wahrscheinlich vermieden werden können, wenn man Russen und Engländer deutlicher voneinander getrennt hätte.

Der Ordner, der mit einem Seil versuchte, die Fangruppen voneinander zu trennen, wirkte auf mich doch sehr aus der Zeit gefallen und wenig effektiv. Da ist jeder durchschnittliche Bundesligaverein besser aufgestellt.

"Die Leute wollen K.o.-Spiele"

tagesschau.de: In vielen Spielen der Gruppenphase fielen die Tore erst gegen Schluss. Fast hatte man den Eindruck, es sei noch gar nicht wirklich um den Titel gegangen. Wird sich das jetzt ändern?

Pistor: Ja. Ich glaube, dass jetzt die Europameisterschaft wirklich los geht, denn jetzt beginnen die K.o.-Spiele, und das ist das, was die Leute wollen: Das Spiel beginnt, und am Ende gibt es einen Gewinner und einen Verlierer.

Die Gruppenphase dagegen bot ein bizarres Bild. Portugal ist weiter, obwohl es drei Mal "nur" unentschieden gespielt hat. Die Türken scheiden aus, obwohl sie ein Mal gewonnen haben. Das alles sind Folgen des neuen Spielmodus, den ich überhaupt nicht verstehe und der dem Turnier nicht gut tut, weil auf einmal die Taktik im Vordergrund steht: Wem reicht welches Ergebnis, um weiterzukommen?

Die isländischen Nationalspieler Ingvi Traustason und Birkir Bjarnason

So sehr das isländische Team in der Gruppenphase begeisterte, ...

Spielszene aus dem Spiel Russland gegen Wales

... um so mehr enttäuschte die russische Mannschaft.

tagesschau.de: Welche Mannschaft hat Sie in der Vorrunde besonders begeistert und welche hat Sie am meisten enttäuscht?

Pistor: Als Halbschwede habe ich das Ausscheiden des schwedischen Teams natürlich sehr bedauert, aber ich fühle mich auch den Isländern verbunden, die mich völlig begeistert haben. Die Mannschaft bedient unser aller Sehnsucht nach dem guten, reinen, ehrlichen Fußball. Nur 330.000 Isländer schaffen es, ein Team zu entsenden, das Portugal und Österreich alt aussehen lässt. Ich bin gespannt, wie sich Island gegen England schlägt, und ich fände es super cool, wenn Deutschland im Halbfinale gegen Island spielen würde.

Enttäuscht hat mich in jedweder Form der Auftritt der Russen. Sportlich behäbig und langsam, begleitet von unsäglichen Hooligans und Kriminellen - es ist gut, dass Russland nicht mehr dabei ist.

"Das ist eine tolle Mannschaft"

tagesschau.de: Wie fällt Ihre Bilanz für das deutsche Team aus?

Pistor: Besser als die der deutschen Öffentlichkeit. Die Debatte um Führungsspieler und Offensivfußball kenne ich schon von der Weltmeisterschaft in Brasilien, so dass ich mir jetzt in Frankreich wie in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" vorkomme. Jeden Morgen werde ich mit harscher Kritik aus Deutschland wach, die ich kaum nachvollziehen kann. So ein Titel des Europameisters will erkämpft werden.

Mich überzeugen die Mannschaft wie auch die Herangehensweise von Bundestrainer Joachim Löw in all seiner Gelassenheit. Das ist eine tolle Mannschaft, die bereit ist zu kämpfen und  vor keinem Gegner Angst zu haben braucht.

tagesschau.de: Auf der einen Seite die etablierten Favoriten, auf der anderen Seite die spritzigen Newcomer - wer wird sich am Ende durchsetzen?

Erfolgreich wird sein, wer etablierte Favoriten und spritzige Newcomer im Team einsetzt. Die deutsche Mannschaft bietet genau das. Die etablierten Namen lauten Manuel Neuer, Jerome Boateng und auch Bastian Schweinsteiger, der immer mehr Einsätze bekommt. Zu den neuen Kräften zähle ich den Kölner Jonas Hector, der linksaußen alles gibt. Rechts fällt Joshua Kimmich als "Philipp Lahm reloaded" auf. Deutschland ist und bleibt also mein Favorit.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Juni 2016 um 08:10 Uhr.

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KOMMENTARE

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c4-- 23.06.2016 • 21:48 Uhr

@meta.plus

Wer in Deutschland lebt und Arbeitet, dem geht es nur in den seltensten Fällen armselig (wenn man nicht gerade Depressiv ist oder besonders vom Schicksal gestraft wurde). Die Politik kann aus diesem Ereignis, von einer positiveren Grundstimmung einmal abgesehen, keinerlei Kapital schlagen, solange sie nicht wieder Eurofighter kaufen will.