Charles Michel | AFP

Nach EU-Türkei-Treffen Michel wollte "Vorfall nicht verschlimmern"

Stand: 08.04.2021 13:19 Uhr

In Ankara bekam EU-Kommissionschefin von der Leyen nur einen Sofaplatz am Rande. Ratspräsident Michel bedauert zwar die Situation, weist aber Kritik von sich. Die Türkei verteidigt die Sitzordnung.

In der Diskussion um die Sitzordnung beim EU-Türkei-Treffen in Ankara hat EU-Ratspräsident Charles Michel Kritik an seinem Verhalten zurückgewiesen. Dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen anders als er nicht neben türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan Platz nehmen konnte, sei auf "die strenge Auslegung der Protokollregeln durch die türkischen Dienste" zurückzuführen, erklärte Michel.

Dies habe zu einer "herabgesetzten Behandlung" der Kommissionschefin geführt. Der "bedauerliche Charakter" sei ihm klar gewesen. "Wir entschieden uns aber, ihn nicht durch einen öffentlichen Vorfall zu verschlimmern", sagte er. Der EU-Ratspräsident verwahrte sich gegen den Vorwurf, unsensibel reagiert zu haben.

"Türkische Gastfreundschaft"

Die türkische Regierung wies eine Verantwortung rundweg ab. Außenminister Mevlüt Cavusoglu nannte die Anschuldigungen ungerecht. "Es wurde entsprechend der Anregungen der EU-Seite so eine Sitzordnung aufgestellt. Punkt." Das Treffen sei entsprechend internationaler Standards und "türkischer Gastfreundschaft" abgehalten worden.

Von der Leyen und Michel waren am Dienstag nach Ankara gereist, um Möglichkeiten einer Verbesserung der Beziehungen zur Türkei auszuloten. In einem Video ist zu sehen, wie die Kommissionschefin zum Auftakt im türkischen Präsidialamt zunächst stehen bleibt und mit einem "Ähm" reagiert, als sich Erdogan und Michel in zwei nebeneinander stehende Sessel setzen.

Sie musste dann in beträchtlichem Abstand auf einem Sofa Platz nehmen. Dort saß sie Außenminister Cavusoglu gegenüber, der ebenfalls an dem Gespräch teilnahm. Die "SofaGate" getaufte Affäre löste massive Kritik und Vorwürfe der Frauenfeindlichkeit aus.

"Vorfall sollte sich nicht wiederholen"

Die EU-Kommission reagierte am Mittwoch empört auf den Vorfall. Ein Sprecher sagte, dass die EU-Chefin aus ihrer Sicht auf Augenhöhe mit dem türkischen Staatschef und EU-Ratspräsident Michel hätte platziert werden müssen. Von der Leyens Sprecher betonte, dass sich Vorfälle wie der im Präsidentenpalast in Ankara nicht wiederholen sollten. Dafür werde man nun Vorkehrungen treffen.

Der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verwies darauf, dass auch er bei Auslandsreisen zuweilen als "Nummer zwei" hinter dem Ratspräsidenten behandelt worden sei. "Für jeden klar war, dass aus protokollarischer Sicht der Präsident des Rates die Nummer eins ist", sagte er dem Online-Magazin "Politico".

Über dieses Thema berichtete NDR Info in der ARD Infonacht am 08. April 2021 um 02:33 Uhr.