EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen spricht im April 2021 vor dem EU-Parlament. | REUTERS

"Sofagate" beim EU-Türkei-Treffen Von der Leyen fühlte sich herabgesetzt

Stand: 27.04.2021 12:40 Uhr

Es ging um einen Sitzplatz - aber einen mit Symbolkraft. Beim Besuch in der Türkei wurde EU-Kommissionschefin von der Leyen sprichwörtlich in die Ecke gedrängt. Für sie eine nicht hinnehmbare Behandlung.

Von Helga Schmidt,  ARD-Studio Brüssel

Ursula von der Leyen kam gleich zur Sache. Dass sie in Ankara auf dem Sofa Platz nehmen musste, weil für sie kein Stuhl neben dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgesehen war, das habe sie verletzt. Als sie vor zwei Wochen in die Türkei fuhr, habe sie erwartet, wie die Präsidentin der Europäischen Kommission behandelt zu werden. Nur weil sie eine Frau sei, habe man sie nicht angemessen behandelt.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

"Ich kann in den Europäischen Verträgen keine Erklärung für meine Behandlung finden. Deshalb muss ich den Schluss ziehen, dass ich so behandelt wurde, weil ich eine Frau bin", sagte von der Leyen. Wäre so etwas auch passiert, wenn sie einen Anzug mit Krawatte getragen hätte, fragte die Kommissionspräsidentin selbst. An die Adresse der Türkei erklärte von der Leyen, der Respekt für Frauenrechte sei die Voraussetzung für die Wiederaufnahme des Dialogs.

Ein Platz im Abseits

Abgeordnete mehrerer Fraktionen erklärten, dass sie von Erdogan keine andere Politik erwartet hätten. Vom mitreisenden EU-Ratspräsidenten Charles Michel aber schon. Er hatte beim Besuch in Erdogans Präsidentenpalast auf dem einzigen freien Stuhl Platz genommen, sodass Kommissionschefin von der Leyen sich auf ein abseits stehendes Sofa setzen musste.

Die Co-Vorsitzende der Grünen-Fraktion im EU-Parlament, Ska Keller, griff Michel heftig an: "Wenn Sie die Kommissionspräsidentin so behandeln, dann kann keine Frau eine andere Behandlung erwarten!" Das mache den diplomatischen Eklat beim Türkei-Besuch zu einer so persönlichen Sache.

EU-Ratspräsident Michel unter Druck

Ratspräsident Michel geriet in der Debatte unter Druck, fast alle Parlamentarier kritisierten sein Verhalten in Ankara. Er habe sich in der Situation im Präsidentenpalast gegen einen politischen Eklat entschieden, erklärte Michel zu seiner Verteidigung. "Sonst wären Monate der diplomatischen und politischen Vorbereitung auf europäischer Ebene ruiniert gewesen", sagte Michel vor dem EU-Parlament.

Von der Leyen prangert fehlende Frauenrechte in der Türkei an

Von der Leyen vermied es, Michel persönlich anzugreifen. Sie verwies stattdessen auf die schwierige Lage der Frauen in der Türkei. Der Rückzug der Türkei aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen sei ein furchtbares Signal. "Ich bin privilegiert, weil ich mich wehren kann", erklärte sie. Millionen Frauen, die täglich verletzt würden, könnten dies jedoch nicht. Tausende viel schlimmere Zwischenfälle würden nie bekannt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. April 2021 um 19:00 Uhr.