Obdachloser in Berlin | Bildquelle: dpa

Obdachlosigkeit in der EU Der "Platte" keine Chance

Stand: 17.10.2020 09:42 Uhr

In der Europäischen Union leben heute 70 Prozent mehr Obdachlose als noch vor zehn Jahren. Positiv sticht aber Finnland heraus. Kein anderes EU-Land konnte die Zahl seiner Obdachlosen so stark senken - mit einer besonderen Strategie.

Von Sarah Schröer López, ARD-Studio Brüssel

Horst Huck schläft jede Nacht in einem kleinen Zelt am Kölner Rhein. Der Hartz-IV-Empfänger ist obdachlos. "Das Zelt ist für mich nur eine Notlösung. Eigentlich möchte ich eine Wohnung. Aber wenn man einmal als Obdachloser abgestempelt wird, ist das nicht so einfach", sagt der 63-Jährige.

So wie Huck geht es immer mehr Menschen in der Europäischen Union, auch weil in vielen Städten bezahlbarer Wohnraum fehlt. Das steht im aktuellen Bericht des Europäischen Verbands nationaler Organisationen der Wohnungslosenhilfe (FEANTSA).

"Jede Nacht sind mindestens 700.000 Menschen obdachlos. Vor zehn Jahren haben wir diese Zahl schon einmal geschätzt. Heute sind es 70 Prozent mehr Obdachlose und das ist besorgniserregend", sagt der Vorsitzende des Verbands, Freek Spinnewijn.

Horst Huck | Bildquelle: ARD-Studio Brüssel
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Horst Huck lebt in einem Zelt - von einer eigenen Wohnung kann er nur träumen.

Die dunkle Seite der Reisefreiheit

FEANTSA befürchtet, dass durch die Corona-Pandemie noch mehr Menschen obdachlos werden könnten. Schon jetzt sei die Zahl so hoch, weil immer mehr EU-Bürger in anderen Mitgliedsstaaten ihr Glück versuchten und dann dort auf der Straße landeten. "Das ist die dunkle Seite der Reisefreiheit, vor der die EU bisher ihre Augen verschließt", kritisiert Spinnewijn.

In Deutschland leben zum Beispiel viele Menschen aus Osteuropa auf der Straße. Denn wenn sie nicht lange genug in Deutschland gearbeitet haben, fallen sie durch das deutsche Sozialsystem und haben keinen Anspruch auf Hilfe.

Obdachlosigkeit in der EU nimmt zu
Europamagazin, 16.10.2020, Sarah Schröer López, WDR

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Problem für deutsche Großstädte

In Großstädten wie Berlin und Köln gibt es mittlerweile spezielle Angebote für obdachlose Osteuropäer. Aber die lösten das Problem nicht, betont Dirk Schumacher vom Kölner Sozialamt: "Die EU-Binnenwanderung schafft hier ein Elend, was wir in unserer Gesellschaft gar nicht mehr kennen. Da brauchen wir eine europäische Sozialpolitik, mit der EU-Bürger gleichermaßen abgesichert sind."

Für Sozialpolitik ist die Europäische Union aber gar nicht zuständig. Darüber entscheiden die Mitgliedsstaaten. Und welche Hilfe Obdachlose bekommen, ist in jedem Land anders.

Besonders hart ist es in Ungarn. Seit 2018 ist das Schlafen auf der Straße dort verboten. Wer zu oft erwischt wird, dem droht ein Gerichtsprozess. Viele Obdachlose verstecken sich deshalb im Wald oder am Stadtrand vor der Polizei.

Obdachloser in einer Notunterkunft in Ungarn im Jahr 2018 | Bildquelle: picture alliance/AP Photo
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Solche Bilder von Obdachlosen wollte Ungarn Regierung nicht mehr sehen und verbot 2018 das Leben auf öffentlichen Plätzen.

Housing First in Finnland

Finnland hat eine ganz andere Strategie: Housing First - auf Deutsch - Unterbringung zuerst. Wer in Finnland obdachlos wird, schläft in der Regel nicht in Notunterkünften. Stattdessen bekommt er schnell eine neue Wohnung zugeteilt, inklusive Mietvertrag. Dafür stehen in Finnland mehr als 7800 Wohnungen zur Verfügung. Die Miete zahlen die Obdachlosen mit ihrer Rente oder ihrem Gehalt. Hat der neue Mieter nicht genug eigenes Geld, springt der Staat mit der Sozialhilfe ein. Housing First sei trotzdem günstiger als die klassischen Hilfsansätze, betont Juha Kaakinen von der Y-Foundation. Die Organisation ist in Finnland für die Housing-First-Wohnungen verantwortlich.

"Das alte Konzept beruht darauf, dass ein Obdachloser erst seine Probleme lösen muss und dann kriegt er eine Wohnung - quasi als Belohnung. Aber wir haben gemerkt, dass das nicht funktioniert, deshalb machen wir es jetzt andersherum", erklärt Juha Kaakinen.

Raimo Järvinen | Bildquelle: ARD-Studio Brüssel
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Möglichst schnell wieder in eine Wohnung - auf dieses Konzept setzt Finnalnd.

Weniger als 5000 Obdachlose

Und die Zahlen sprechen für die Strategie: Finnland ist das einzige EU-Land, das die Zahl seiner Obdachlosen in den vergangenen Jahren erheblich senken konnte: zwischen 2010 und 2018 laut OECD um 39 Prozent. In Finnland gebe es gerade nur etwa 4.600 Obdachlose, heißt es von der Y-Foundation. Zum Vergleich: Allein in der Stadt Köln sind es mehr.

Mittlerweile ist Housing First kein finnisches Phänomen mehr. Viele EU-Länder experimentieren mit der Strategie, auch Deutschland. Aber damit Housing First umgesetzt werden kann, braucht es bezahlbaren Wohnraum. Und daran mangelt es in vielen Großstädten wie Köln. Viele Obdachlose können deshalb eben noch nicht von der finnischen Strategie profitieren.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Europamagazin am 18. Oktober 2020 um 12:45 Uhr.

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