Fahnen der EU und Großbritanniens

Briten warnen EU vor wirtschaftlichem Abstieg "So können wir nicht weitermachen"

Stand: 15.01.2014 13:25 Uhr

Großbritanniens Finanzminister Osborne hat Klartext gesprochen: Nur wenn die EU zu tiefgreifenden Reformen bereit wäre, bleibe sein Land Mitglied. Osborne warnte Europa vor dem wirtschaftlichen Abstieg: "Die Finanzkrise hat dramatisch die Verschiebungen der tektonischen Platten in der Weltwirtschaft beschleunigt."

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Hörfunkstudio London

Wenn die Europäische Union so wie bisher weitermache, dann werde Großbritannien die Gemeinschaft verlassen.

George Osborne

Warnt vor dem Abschwung Europas: Finanzminister Osborne

Jens-Peter Marquardt ARD-Studio London

Finanzminister George Osborne machte Brüssel schwere Vorwürfe. Europas derzeitige wirtschaftliche Verfassung sei inakzeptabel: "Wir haben alle schon vor der Euro-Krise gewusst, dass wir ein Wettbewerbsfähigkeitsproblem haben. Aber die Krise hat die Verschiebung zu den neuen Wirtschaftsmächten im Osten und Süden des Planeten noch einmal beschleunigt. Machen wir uns nichts vor, unser Kontinent fällt zurück. So wie jetzt können wir nicht weitermachen."

In 15 Jahren halbierter Marktanteil

Osborne warnte vor der wachsenden Konkurrenz aus Asien: Während die europäische Wirtschaft in den vergangenen sechs Jahren stagniert habe, sei die indische um ein Drittel gewachsen und die chinesische um 50 Prozent. Er sagte deshalb voraus: Europas Marktanteil werde sich in den kommenden 15 Jahren halbieren, wenn die EU nicht das Steuer herum werfe.

Der konservative britische Finanzminister nahm sich vor allem die Sozialausgaben vor. Die EU mache gerade einmal sieben Prozent der Weltbevölkerung aus und 25 Prozent der Weltwirtschaftskraft, gebe aber 50 Prozent der Summe aller weltweiten Sozialleistungen aus.

Gleichzeitig schaffe es die EU nicht, genügend Jobs zu schaffen. Ein Viertel der jungen Menschen in der EU fänden keine Arbeit. Und: die europäischen Unternehmen hätten ihre Innovationskraft verloren. Ihr Anteil an den weltweiten Patentanmeldungen habe sich im vergangenen Jahrzehnt halbiert.

Quote der Jugendarbeitslosigkeit in der EU vom September 2013

"Eine ganz einfache Wahl: reformieren oder zurückfallen"

Osbornes Konsequenz: Die EU muss sich reformieren und wirtschaftsfreundlicher werden: "Es ist der Status Quo, der die Menschen in Europa zu einer anhaltenden Krise und zum andauernden Abstieg verdammt. Deshalb gibt es eine ganz einfache Wahl: Reformieren oder zurückfallen. Wir wollen die Reform. Und dann sollen die Menschen entscheiden."

Die Regierung in London will unter anderem in Verhandlungen mit der EU durchsetzen, dass der Einfluss Brüssels eingeschränkt wird und die nationalen Regierungen wieder mehr selbst entscheiden können. Nach diesen Verhandlungen sollen die Briten 2017 in einem Referendum darüber entscheiden, ob sie Mitglied der EU bleiben wollen oder austreten.

Autohersteller warnen London

Ob es der britischen Wirtschaft nach einem Austritt aus der EU besser geht, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Vor wenigen Wochen hatte der Nissan-Chef bereits davor gewarnt, Arbeitsplätze in Großbritannien auf den Kontinent zu verlagern, wenn das Land nicht mehr zum gemeinsamen Markt gehört. Bisher beliefert der japanische Konzern den gesamten Kontinent mit seinen Autos Made in Britain.

Nun stieß der Europa-Chef von Ford ins gleiche Horn. Steve Odell sagte dem "Telegraph", ein Austritt Großbritanniens aus der EU werde Konsequenzen haben. Es gebe für Großbritannien überhaupt keinen Grund, dem größten Handelspartner, der EU, den Rücken zu kehren. Ford allein beschäftigt 15.000 Menschen in seinen britischen Fabriken.   

Dieser Beitrag lief am 15. Januar 2014 um 13:15 Uhr im Deutschlandfunk.

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KOMMENTARE

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FM85 15.01.2014 • 21:38 Uhr

Ein Politiker, der mit

Ein Politiker, der mit wirtschaftlichem Suizid seines Landes droht. Ist das eine etwas dramatischere Art zu sagen, dass man nicht wiedergewählt werden will? Dabei geht es nicht nur um die im Artikel genannten Autohersteller, sondern auch um alle anderen Industriezweige, die auf Export angewiesen sind. Haupthandelspartner bei Export und Import: EU Länder. Auch den Finanzdienstleistern, die er unreguliert lassen will, wird es nicht viel helfen. Plötzlich wären sie diversen Barrieren beim Handel und Transaktionen mit EU Staaten (bzw Unternehmen innerhalb dieser Staaten) unterworfen. Man kann sich vorstellen wie schnell Banken, die hauptsächlich innerhalb der EU handeln, ihren Sitz verlegt hätten (vermutlich Richtung Frankfurt, Luxemburg oder Paris als 2.-4. größte Finanzplätze in der EU). Was das für ein Land bedeutet, dessen BIP zu 10% von Finanzdienstleistungen erzeugt wird, ist auch nicht schwer zu erraten.