Hände mit einer Affenpocken-Impfstoffflasche und einer Spritze | REUTERS

Affenpocken in der EU 110.000 Impfstoffdosen sollen helfen

Stand: 14.06.2022 12:57 Uhr

Die WHO hatte zuletzt fast 1300 Fälle von Affenpocken in Ländern außerhalb Afrikas gemeldet. Jetzt will die EU mehr als 100.000 Dosen Impfstoff gegen die Krankheit bei einem dänischen Biotech-Unternehmen kaufen.

Die Europäische Union will rund 110.000 Dosen Impfstoff gegen Affenpocken kaufen. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides kündigte an, eine entsprechende Vereinbarung mit dem dänischen Biotech-Unternehmen Bavarian Nordic noch heute unterschreiben zu wollen.

Bereits Ende Juni sollen laut Kyriakides dann die ersten Dosen an die EU-Staaten geliefert werden. Nach Angaben von Bavarian Nordic soll die Auslieferung des Impfstoffes sofort beginnen und in den kommenden Monaten abgeschlossen sein.

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte kürzlich erklärt, sie führe Gespräche mit Bavarian Nordic, die eine Ausweitung der Zulassung seines Pockenimpfstoffs Imvanex auch auf Affenpocken ermöglichen könnte. In den USA ist das Vakzin bereits auch zum Einsatz bei Affenpocken zugelassen.

Etwa 900 Fälle von Affenpocken in der EU

Derzeit gibt es nach Angaben der EU-Gesundheitskommissarin etwa 900 Affenpocken-Fälle in der EU, weltweit seien es rund 1400. Ähnliche Zahlen hatte zuletzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgelegt: Demnach sind fast 1300 Fälle von Affenpocken in Ländern außerhalb Afrikas gemeldet - die meisten davon bei Männern, die Sex mit Männern haben. Experten hatten vor einer Weiterverbreitung des Virus, etwa bei bevorstehenden Festivals und Partys gewarnt.

Die Erkrankung mit Affenpocken

Affenpocken gelten verglichen mit den seit 1980 ausgerotteten Pocken als weniger schwere Erkrankung. Die Inkubationszeit beträgt laut RKI fünf bis 21 Tage. Die Symptome (darunter zum Beispiel Fieber und Hautausschlag) verschwinden gewöhnlich innerhalb weniger Wochen von selbst, können bei einigen Menschen aber zu medizinischen Komplikationen und in sehr seltenen Fällen auch zum Tod führen. Affenpocken treten hauptsächlich in West- und Zentralafrika auf und verbreiten sich nur sehr selten in anderen Ländern, was die gegenwärtige Entwicklung ungewöhnlich macht.

Sind Affenpocken bei Sex übertragbar?

In Italien wurden nun bei einer Handvoll Patienten erstmals Fragmente des Affenpockenvirus im Sperma nachgewiesen. Das wirft die Frage auf, ob eine sexuelle Übertragung möglich ist. Forscher des Spallanzani-Instituts in Rom haben bei sechs von sieben Patienten der Einrichtung das genetische Material des Virus im Sperma nachgewiesen. Insbesondere eine im Labor untersuchte Probe eines einzelnen Patienten deute darauf hin, dass das in seinem Samen gefundene Virus in der Lage ist, eine andere Person zu infizieren und sich zu vermehren.

Diese Daten reichten aber nicht aus, um zu beweisen, dass sich die biologischen Eigenschaften des Virus und seine Übertragung verändert haben, sagte der Generaldirektor des Instituts, Francesco Vaia, der Nachrichtenagentur Reuters. Der Fund spreche jedoch stark für die Hypothese, dass das Virus auch sexuell übertragbar sei. Die WHO sei darüber informiert worden.

Affenpocken | Institute of Tropical Medicine Antwerp/dpa

Ein vom Institute of Tropical Medicine Antwerp zur Verfügung gestelltes Foto zeigt Hautsymptome von Affenpocken-Patienten. Infektionen mit dem Virus werden mittlerweile aus immer mehr Ländern gemeldet. Bild: Institute of Tropical Medicine Antwerp/dpa

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist laut dem Robert-Koch-Institut nur bei engem Kontakt möglich - etwa durch Kontakt mit den typischen Hautveränderungen oder auch durch ausgeschiedene Atemwegssekrete und Speichel. Ob Affenpocken durch Sperma oder Vaginalsekret verbreitet werden können, ist laut RKI noch nicht abschließend geklärt, scheint aber möglich.

Auch Deutschland hat schon Impfstoff bestellt

Einige EU-Staaten, darunter auch Deutschland und Spanien, hatten bereits eigene Bestellungen bei Bavarian Nordic aufgegeben. Gesundheitsminister Karl Lauterbach kündigte an, im Juni könnten rund 40.000 Impfdosen geliefert werden, im weiteren Jahresverlauf weitere 200.000.

In Deutschland hatte die Ständige Impfkommission (STIKO) vergangene Woche eine Affenpocken-Impfung für bestimmte Risikogruppen und Menschen, die engen Kontakt zu Infizierten hatten, nahegelegt. Ein erhöhtes Infektionsrisiko sieht die STIKO bei Männern, die gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnern haben.

Auch Personal von Speziallaboratorien komme unter Umständen für eine vorsorgliche Impfung infrage. Der Beschlussentwurf der Empfehlung muss nun noch in ein sogenanntes Stellungnahmeverfahren und ist noch keine endgültige offizielle Empfehlung.

229 Erkrankte in Deutschland

Vor gut drei Wochen wurde hierzulande der erste Patient mit Affenpocken bekannt. Die Zahl der beim RKI erfassten Affenpocken-Nachweise in Deutschland ist auf nun mehr als 200 gestiegen: Das RKI gab die Patientenzahl auf seiner Webseite mit genau 229 an, nach rund 190 am Vortag. Weiterhin seien keine Fälle bei Frauen und Kindern bekannt, teilte eine RKI-Sprecherin auf Anfrage mit. Elf Bundesländer haben nach Angaben des Instituts Betroffene der Viruserkrankung gemeldet. Besonders viele sind es in Berlin, wo nach aktuellstem Stand von Montag 142 Fälle registriert waren.

Die Risiko-Einschätzung des RKI lautet dabei weiterhin: "Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland schätzt das RKI nach derzeitigen Erkenntnissen als gering ein." Es gebe immer noch vereinzelte Übertragungen, "aber der Ausbruch hat eher nicht die Eigenschaft, exponentiell wachsende Fallzahlen zu entwickeln", teilte Timo Ulrichs, Experte für Globale Gesundheit an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin auf Anfrage mit.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 29. Mai 2022 um 18:05 Uhr im "Bericht aus Berlin" und Deutschlandfunk am 14. Juni 2022 um 13:00 Uhr in den Nachrichten.