Bergung der Bugklappe der "Estonia" (Archivbild: 18.11.1994) | AP

"Estonia"-Untergang Neue Untersuchungen des Wracks starten

Stand: 08.07.2021 10:48 Uhr

Bis heute wird darüber spekuliert, warum die Fähre "Estonia" im September 1994 sank. Bis vor Kurzem galt ein Tauchverbot. Nach einer Gesetzesänderung können sich Experten nun aber auf die Suche nach neuen Fakten machen.

Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm, zzt. in Hamburg

Dramatischer Notruf von der Brücke der "Estonia" am 28. September 1994 nachts bei schwerem Sturm vor der Südküste Finnlands - das letzte Lebenszeichen der Wache. Die Fähre bekam Schlagseite, kenterte und sank schnell. 852 Passagiere und Besatzungsmitglieder ertranken, nur 137 haben überlebt. Fest steht, dass die Bugklappe abgerissen und viel Wasser in kurzer Zeit ins Schiff eingedrungen war.

Viele Untersuchungen und viele Theorien

Es gab Untersuchungen und Prozesse, am Ende aber nur viele Theorien: Es sei ein Konstruktionsfehler, die Bugklappe sei zu schwach gewesen, vielleicht auch schlecht gewartet. Im Gespräch waren auch: Sabotage, illegale Militärtransporte an Bord, Spione, ein in den Rumpf gesprengtes Loch.

Im vergangenen Herbst dann gab es die ersten Fernsehbilder - aufgenommen von einem Unterwasserroboter, der trotz des Tauchverbotes zum Wrack herabgelassen worden war: Eine etwa vier Meter hohe und an der größten Stelle 1,20 Meter breite Öffnung aus teils eingedrücktem, teils geborstenem Metall. Fachleute meinen, dass es beim Aufprall des Schiffes auf den Grund passiert sein könnte oder vorher bei einer Kollision.

"Deutet alles auf ein Kriegsschiff hin"

Lars Ångström ist ehemaliger Reichstagsabgeordneter in Schweden. Er hat die "Bugklappen-Theorie"  schon früh angezweifelt: "Berechnungen ergeben, dass dieses Loch durch etwas Großes mit 1.000 bis 3.000 Tonnen Gewicht und einer Fahrt von anderthalb bis vier Knoten verursacht worden sein könnte. Ein Container war es also nicht, der wiegt nicht mehr als 30 Tonnen. Es muss ein Schiff gewesen sein. Ein ziviles Schiff hätte dabei keinen Grund, das geheim zu halten, also deutet alles auf ein Kriegsschiff hin."

Sogar von einem U-Boot wird gemunkelt. Die "Estonia" ist eine Grabstätte, bis vor kurzem galt ein generelles Tauchverbot. Aber nun haben Schweden, Finnland und Estland entsprechende Gesetze geändert und damit den Weg frei gemacht zur neuen offiziellen Wrack-Untersuchung. Die beginnt heute.

Zuerst ohne Taucher und ohne Roboter

Jonas Bäckstrand ist Leiter der schwedischen Havariekommission und froh, dass es losgeht: "Ich finde, dass man der neuen Information, dass es Löcher auf der Steuerbordseite gibt, nachgehen muss, um zu sehen, wie sie entstanden sind und warum. Damit die Beurteilungen auf Fakten statt auf Spekulationen basieren."

Der Start der geschätzt etwa 5,5 Millionen Euro teuren Aktion ist allerdings eher unspektakulär. Es geht ohne Taucher los und ohne Roboter. Man will einen ersten Eindruck gewinnen von der Umgebung und Lage des Wracks. Beides dürfte sich seit dem Untergang verändert haben.

"Jetzt werden wir unterschiedliche Methoden wie Echolot und Sonar anwenden, um das Schiff und die Gegebenheiten des Meeresbodens zu dokumentieren", erklärt Bäckstrand. "Im Frühjahr dann werden wir Spezialkameras benutzen, um genauere Bilder zu bekommen."

Hunderte Einzelaufnahmen für ein Gesamtbild

Das ist es, was den Fachleuten fehlt: Ein Gesamtbild des Wracks, seiner Lage und seiner genauen Beschädigungen. Und das ist schwierig bei der üblicherweise schlechten Sicht in der Ostsee. Dafür sollen Computer Hunderte Einzelaufnahmen zusammenrechnen.

Doch das wird dauern. Allein die Vor-Untersuchungen sind bis in den Herbst hinein geplant. Konkrete Ergebnisse dürfte es frühestens im kommenden Jahr geben. Und auch dann ist es nicht sicher, dass das Rätsel der Estonia gelöst wird. Man suche schließlich Fakten, heißt es bei der Havariekommission, und keine Schuldigen.   

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Juli 2021 um 12:00 Uhr.