Valéry Giscard d'Estaing | dpa

Trauer um französischen Ex-Präsidenten Der "unsterbliche" Giscard d’Estaing

Stand: 03.12.2020 07:47 Uhr

Valéry Giscard d’Estaing war ein Visionär und Europäer. Als französischer Präsident setzte er sich für die Versöhnung mit Deutschland ein. Er starb jetzt an den Folgen einer Coronavirus-Erkrankung.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Sein Geburtsort hat ihm den Weg möglicherweise vorgegeben. Valéry Giscard d’Estaing wurde nämlich in Koblenz geboren. Sein Vater war dort stationiert, während der Besetzung des Rheinlands durch die Franzosen.

Barbara Kostolnik ARD-Hauptstadtstudio

Der junge d’Estaing wiederum erlebt in Paris die Besatzung durch die Deutschen sehr persönlich: "Ich war Gymnasiast zu dieser Zeit, und ich wachte jeden Morgen davon auf, dass die deutschen Soldaten unter meinem Fenster sangen, das rührt mich noch heute". Die Deutschen und d’Estaing, das ist eine besondere, eine innige Beziehung. Aber auch die Franzosen und d’Estaing mögen sich.

Valéry Giscard d'Estaing mit seiner Famile | null

Valéry Giscard d'Estaing mit seiner Famile

Neuer politischer Stil

Als der Finanzminister d’Estaing 1974, im zarten Alter von 48 Jahren erklärt, Präsident werden zu wollen, ist die Euphorie groß: d’Estaing stand für einen gesellschaftlichen Aufbruch und neuen politischen Stil. "Ich glaube", sagte er während seiner Kampagne, "dass die französische Politik in großen Teilen vollkommen steif und unnatürlich ist".

Präsident der Herzen wollte d’Estaing werden - sein Vorbild war Kennedy, und seinen französischen Rivalen, Francois Mitterrand, redete er im allerersten Fernsehduell der französischen Geschichte in Grund und Boden: "Herr Mitterrand, das einzige, was mich interessiert, ist der Wandel: Sobald ich zum Präsidenten gewählt bin, sprechen wir nicht mehr über die Vergangenheit".

Versöhnung mit Deutschland

D’Estaing, der intellektuell brillante Sohn aus guter Familie, nahm diesen Auftrag ernst - und: Wunder über Wunder - er sprach sogar Englisch: "France has elected its president." Einmal gewählt, begann er Frankreich zu erneuern. Er modernisierte unter anderem das Scheidungs- und das Abtreibungsrecht - und er begann, Deutschland und Frankreich einander näher zu bringen, zusammen mit dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Valéry Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt | dpa

Eine besonders enge freundschaftliche Beziehung verband ihn mit Helmut Schmidt (rechts), dem deutschen Bundeskanzler. Auch nach dem Ende ihrer politischen Karriere blieben die beiden Freunde. Bild: dpa

"Unser erstes Anliegen war die Versöhnung unserer beiden Völker", so d’Estaing. Und Schmidt erklärte im Jahr 1974: "Herr Präsident, Giscard d’Estaing und ich kennen uns seit einigen Jahren, diese enge persönliche Kooperation hat unseren beiden Ländern sehr genützt bei der Bewältigung der monetären Krisen."

Vor allem monetär erwiesen sich Schmidt und d’Estaing als weitsichtige Europäer. Ohne ihre Visionen und ihre Bemühungen hätte es den Euro nicht gegeben, den sie bereits 1979 in die Wege leiteten.

Ein Geschenk führte zur Abwahl

Ein Diamant war es schließlich, der zum Niedergang des Präsidenten d’Estaing führte: Das Geschenk des zentralafrikanischen Diktators Bokassa haben ihm die Franzosen nicht verziehen. 1981 wählten sie ihn ab und Mitterrand zum Präsidenten.

D’Estaings Karriere als Europa-Politiker allerdings blieb davon unberührt. 2001 kam er glanzvoll zurück auf die europäische Bühne: als Präsident des EU-Konvents für eine europäische Verfassung: "Ich fühle mich wohl damit, wie das in Deutschland über die Bühne geht, das ist europäischer" erklärte er bei der Ratifizierung der Verfassung durch den Bundesrat in Berlin. Die Franzosen nämlich machten ihm auch hier einen Strich durch die Rechnung - und lehnten die Verfassung in einem Referendum ab.

Sessel in der Académie Francaise

Valéry Giscard d’Estaing hat ein biblisches Alter erreicht und sehr viel mehr. Seit dem 11. Dezember 2003 hat er einen Sessel in der Académie Francaise inne. Deren Mitglieder heißen aufgrund ihrer immensen Bedeutung für Frankreich: die "Unsterblichen". Valéry Giscard d’Estaing ist also schon lange unsterblich.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Dezember 2020 um 09:00 Uhr.