Screenshot der Satire-Website Noktara.de | Bildquelle: Screenshot Noktara.de

Stadt Essen heißt jetzt Fasten? Deutsche Ramadan-Satire im ungarischen TV

Stand: 23.05.2018 17:22 Uhr

Eine deutsche Satireseite hat es bis ins ungarische Staatsfernsehen geschafft. Während des Ramadans heiße die Stadt Essen nun Fasten, stand dort. Das stieß im islamkritischen Land auf offene Ohren.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Südosteuropa

Die Nachrichten des ungarischen Staatsfernsehen haben am Pfingstsonntag einen echten Treffer gelandet. Nach Informationen über den Papst oder die Lage in Grosny läuft ein Bericht aus Deutschland. Darin geht es um die Auseinandersetzungen in zwei Erstaufnahme-Einrichtungen in Dresden, und die ungarische Autorin macht dann einen Schlenker nach NRW. 

Während des muslimischen Ramadan werde die Stadt Essen in die Stadt Fasten umbenannt. Die neuen Schilder seien schon aufgestellt worden, heißt es mit Kameraschwenk auf den Bericht, der das zeigen soll. Ein Beweis für die Islamisierung Deutschlands - so die Botschaft. Der Humor einer deutschen Satireseite ist damit vom ungarischen Staatsfernsehen geadelt worden.

"Ethnosatiriker" mit dem Ziel "Weltherrschaft"

"Nachrichten aus dem Morgenland - schon heute!" Unter diesem Motto betreiben zwei Deutsche mit muslimischem Hintergrund "Noktara.de". Ihnen gehe es um Weltherrschaft und Islamisierung der Medien, erzählten sie unbeschwert der Illustrierten Stern. Derya Sami Saydjari und Soufian El Khayari sagen, sie seien schon häufiger "muslimischer Postillon" genannt worden, doch dieser würde über alle Themen Witze machen. Sie hingegen nur in einem Umfeld, in dem sie sich auskennen würden.

"Noktara" macht auch Satireberichte über den Boykott der Reise nach Jerusalem in einem islamischen Kindergarten, Ramadanrezepte und eine fiese Reporterin, die einen fastenden kleinen Jungen mit Speiseeisversprechen zum Weinen bringt. Auch der Wettbewerb über die beste Netanjahu-Karikatur oder der Wechsel von Nationalspieler Mesut Özil in die türkische Nationalmannschaft sind eine Humorheadline wert.

Die Macher von "Noktara" sehen sich als "Ethnosatiriker", Scherze über Burkas oder Jungfrauen für Selbstmordattentäter sind ihnen zu flach. In erster Linie wollen sie unterhalten. "Wer uns nicht folgt, wird gesteinigt", steht auf Twitter. Auch Nichtmuslime sollen angesprochen werden, aber vor allem sollen Muslime selbst für Humor und Satire sensibilisiert werden, so die Macher im Stern. Man dürfe über alles Witze machen, zum Beispiel auch über den IS. Es gäbe aber wenige persönliche Tabus. Etwa rund um den Propheten Mohammed.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban ist auf dem Rathausplatz von Szekesfehervar umgeben von grün-rot-weißen Flaggen. | Bildquelle: AFP
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Die Parlamentswahlen im April gewann Orban auch mit Anfeindungen gegen die EU und den Islam.

Sein Publikum kann man sich nicht aussuchen

Gelikt wird die Satire von "Noktara" von unterschiedlicher Seite, und nun ist eben auch das ungarische Staatsfernsehen darunter. Dass sich die Stadt Essen während des Ramadan in die Stadt Fasten umbenennen könnte, hält man dort offenbar für möglich. Die Pressefreiheit in Ungarn ist stark eingeschränkt und regierungstreue Medien hämmern den Bürgern seit Jahren ein, wie gefährlich Muslime seien und wie schwach die EU.

Das bekommt auch der ungarnstämmige Amerikaner George Soros zu spüren. Er unterstützt die ungarische Zivilgesellschaft, seine Stiftung hat ihr Büro in Budapest wegen Anfeindungen der Regierung Orban gerade geschlossen. Orban persönlich unterstellt Soros aber weiter, muslimische Masseneinwanderung nach Europa zu organisieren.

George Soros im Kreis von Oppositionspolitikern, die Löcher in den Grenzzaun schneiden - das ist ein Motiv der Kampagne. | Bildquelle: dpa
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Ein Motiv im vergangenen Wahlkampf war George Soros im Kreis von Oppositionspolitikern, die Löcher in den Grenzzaun schneiden.

Vor der Wahl Ende März sagte Orban im Staatsradio, "laut Offizieren der Soros-Armee" arbeiteten in Ungarn etwa 2000 Menschen in Soros' Auftrag. "Bezahlte Leute. Sie sollen im Wahlkampf die Regierung kippen. Wir verfügen über Informationen, Berichte und Analysen, wir wissen genau, wer sie sind und kennen sogar die Namen und wer wie arbeitet, um Ungarn zu einem Einwanderungsstaat zu machen."

Eine "Soros-Armee" mit echten Offizieren, die das christliche Abendland mit Muslimen bevölkern will? Das könnte doch auch den "Ethnosatirikern" von "Noktara" glatt einen Bericht wert sein. Auch sonst können sie sich ihre Fans nicht aussuchen. "Sieben Dinge, die an Erdogan liebenswert sind" wurde auf Facebook auch von den Anhängern des türkischen Präsidenten geteilt.

Stadt Essen heißt im Ramadan Fasten? - Ungarisches TV fällt auf deutsche Satire rein
Andrea Beer, ARD Wien
23.05.2018 16:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 24. Mai 2018 um 03:25 Uhr.

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