Ein zerstörtes Auto in Ramat Gan | AFP

Nahostkonflikt Großraum Tel Aviv erneut unter Beschuss

Stand: 15.05.2021 15:50 Uhr

Angriffe und Gegenangriffe: Die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern dauert an - und ein Ende ist nicht in Sicht. Bei einem Raketenangriff militanter Palästinenser bei Tel Aviv wurde ein Mensch getötet.

Von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv, z. Zt. München

In Ramallah, dem Sitz der palästinensischen Regierung im Westjordanland, hängen Flaggen auf Halbmast. Videoaufnahmen zeigen geschlossene Geschäfte. Der heutige Tag gilt vielen Palästinensern als Nakba - als Tag der Katastrophe. Sie gedenken der Flucht und Vertreibung Hunderttausender im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948.

Erwartet werden gewaltsame Ausschreitungen, die weit über jene der vergangenen Tage hinausgehen könnten. In diesem Jahr fällt der Tag auf den sechsten Tag der jüngsten Eskalation im palästinensisch-israelischen Konflikt - auf den sechsten Tag, an dem die Waffen nicht schweigen, wie die Aufnahmen aus dem Konfliktgebiet verdeutlichen.

Videoaufnahmen zeigen die Verwüstung in einem Haus in der südisraelischen Stadt Beerscheba. Eine Gruppe Männer steigt eine Treppe hinauf und betritt einen Raum, in dessen Decke ein großes Loch klafft. Überall Wasser auf dem Boden, irgendwo muss eine Leitung gerissen sein. In dem Haus war zuvor eine Rakete aus dem Gazastreifen eingeschlagen. Abgefeuert von militanten Palästinensern - eine von inzwischen über 2000.

Israel, das Westjordanland und der Gazastreifen

Ein Toter bei Tel Aviv - dreimal Raketenalarm

Auch der Großraum Tel Aviv wurde erneut getroffen, ein Mensch kam dabei ums Leben. Das berichten israelische Medien unter Verweis auf Rettungskräfte. Offenbar schlug eine Rakete in Ramat Gan ein. Die Stadt grenzt direkt an Tel Aviv. Fotos und Videos zeigen verwüstete Häuser. Auch aus anderen Gebieten im dicht bebauten Großraum Tel Aviv wurden Einschläge gemeldet. In der Küstenmetropole wurde heute dreimal kurz hintereinander Raketenalarm ausgelöst. Bereits in den letzten Tagen war das wirtschaftliche Zentrum Israels so heftig beschossen worden, wie lange nicht.

"Wir schlagen mit beachtlicher Härte zu"

Auch die israelische Armee setzte ihre Angriffe auf Ziele im Gazastreifen fort - ganz so, wie es Generalstabschef Aviv Kochavi zuvor angedeutet hatte: "Die Armee reagierte basierend auf vorbereiteten Angriffsplänen und davon liegen noch verschiedene Phasen vor uns. Wir schlagen mit beachtlicher Härte zu." Es sei gelungen, Hamas und den Islamischen Dschihad in ihrer Fähigkeit, Waffen zu produzieren, erheblich zurückzuwerfen, so dass es lange dauern würde, bis diese sich davon erholt hätten.

Laut Armeeangaben wurden zuletzt unter anderem Raketenabschussrampen und Kampfeinheiten der im Gazastreifen herrschenden Hamas beschossen. Außerdem zerstörte Israels Luftwaffe ein 14-stöckiges Hochhaus, in dem Medienunternehmen wie Associated Press ihre Büros hatten. Berichten zufolge wurden die Bewohner zuvor aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. Die Armee teilte mit, in dem Gebäude habe der Militärgeheimdienst der Hamas über "militärische Ressourcen" verfügt. "In dem Gebäude liegen Büros ziviler Medien, hinter denen die Terrororganisation Hamas sich versteckt und die es als menschliche Schutzschilde missbraucht."

Augenzeugen berichteten auch andernorts von den Einschlägen der vergangenen Stunden. "Wir wurden vom einer furchtbaren Explosion erschreckt. Wir haben dann mitbekommen, dass vier Bomben von Kampfflugzeugen ein Haus in der Nachbarschaft getroffen haben", sagt einer. "Wir hatten keine Ahnung, was in dem Moment passierte - wir haben geschlafen." Vier Familien und auch alle Nachbarn hätten geschlafen. Niemand sei auf der Straße gewesen. "Die Explosion war furchteinflößend. Das Haus wurde komplett zerstört."

Kaum Schutz für Zivilisten

Der schmale Gazastreifen an der Küste ist von Israel und Ägypten abgeriegelt. Es gibt kaum Schutz für Zivilisten und das Gebiet ist dicht bebaut. Viele Bewohner haben aufgrund der Angriffe Angst vor die Tür zu gehen. Auf mehr als 130 wird die Zahl der Toten offiziellen Angaben zufolge inzwischen beziffert.

Wie und wann der Gewaltausbruch zwischen den Konfliktparteien enden könnte, scheint derzeit weiter offen. Medienberichten zufolge soll die Hamas bereits einem Waffenstillstand für ein Jahr zugestimmt haben. Israel habe diesen jedoch abgelehnt, heißt es unter Verweis auf ägyptische Quellen. Ägypten ist erneut in der Rolle des Vermittlers. Gestern Abend traf zudem ein US-Spitzendiplomat in Israel ein. Er soll nun Gespräche führen.

Unruhen in Israel befürchtet

Unterdessen wird auch mit neuer Gewalt in Israel gerechnet. Aufnahmen aus der Stadt Lod etwa zeigen einen Einsatz israelischer Sicherheitskräfte nach jüngsten Zusammenstößen mit arabischen Einwohnern.

Immer wieder kam es bereits in den vergangenen Tagen zu Angriffen von arabischen auf jüdische Israelis und umgekehrt. Diese Entwicklung gilt als neues Phänomen für die israelische Gesellschaft und bildet den zweiten Schauplatz des aktuellen Konfliktes.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Mai 2021 um 15:00 Uhr.

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