Bildungsdebatte in China Zwischen Drill und Kreativität

Stand: 01.02.2011 12:56 Uhr

Über den Bildungsbestseller der chinesisch-stämmigen Amerikanerin Amy Chua "Die Mutter des Erfolgs" wird auch in China diskutiert. Viel Zustimmung erfährt die Autorin aber nicht. Denn in den chinesischen Debatten wird das eigene, strenge Schulsystem längst in Frage gestellt.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking  

Ein Kindergarten in Peking: 30 Fünfjährige sitzen auf dem Fußboden und rezitieren alte Gedichte. Darunter auch der kleine Haohua. Der Junge ist groß für sein Alter, trägt eine runde Brille. Schon im Kindergarten muss er lernen - alte Gedichte aus der Tang-Zeit, Schriftzeichen und Rechnen. Im Herbst soll Haohua in die Schule kommen, doch seit Monaten diskutieren seine Eltern über die Wahl der richtigen Grundschule.

China Olympische Spiele
galerie

Chinesische Kinder bei einem Springseil-Wettbewerb in Hefei (Mai 2007)

 

Der Vater will den Sohn auf eine staatliche Elite-Schule schicken, wo Disziplin und Auswendiglernen groß geschrieben werden. Mutter Li Jianing  ist dagegen: "Ich denke, es wäre besser, er wächst mit weniger Druck auf und ist einfach glücklich." Li Jianing sagt, sie würde ihren Sohn lieber auf eine private Schule schicken, wo er mit mehr Freude lernen könne. "Aber mein Mann ist anderer Meinung, daher zögern wir noch", sagt sie. 

Kritisches Denken bleibt auf der Strecke

Li Jianing gehört zu einer wachsenden Zahl chinesischer Mittelklasse-Eltern, die Zweifel haben am strengen chinesischen Erziehungs- und Bildungssystem, das in internationalen Tests zwar gut abschneidet, in dem aber Kreativität und kritisches, eigenständiges Denken auf der Strecke bleiben. Die Eltern sind nicht allein: Erziehungsexperten wie etwa Lan Hai, Leiterin einer Erziehungsberatungsstelle, fordern schon seit längerem ein Umdenken. "Das chinesische Bildungssystem muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man Kinder ausbildet, die sich mit ihren eigenen Gedanken und eigener Kreativität in die Gesellschaft einbringen können", erklärt sie. Darum gehe es in der derzeitigen Debatte in China. "So eine Veränderung braucht natürlich Zeit", betont Lan Hai, "zunächst müsste unser Bildungssystem offener werden und mehr Ideenvielfalt zulassen".

Nach wie vor wird an chinesischen Schulen mit Drill und Disziplin gelernt, vor allem wird auswendig gepaukt. Das kommt nicht von ungefähr. Denn das Schulsystem ist extrem leistungsorientiert und extrem selektiv - die Schüler pauken sich von Prüfung zu Prüfung, um dann die Aufnahmetests für die nächsthöhere Schule zu absolvieren. Alles mit einem Ziel: am Ende der Schulzeit die landesweite Eingangsprüfung für die Universität zu bestehen. Und weil das System so ist, wie es ist, sehen viele Eltern keinen anderen Weg als Strenge und Disziplin gegenüber ihrem meist einzigen Kind.

Hoffnung auf eine bessere Zukunft

In dieses Kind investierten die Eltern nicht nur Geld und Ressourcen, sondern auch ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, sagt Lan Hai. "In jeder chinesischen Familie hat Bildung einen sehr hohen Stellenwert. Die Kosten für die Ausbildung des Kindes sind oft der größte Posten im Familienbudget. Das ist traditionell so in China. Die Eltern sind bereit für die Bildung der Kinder zu zahlen und zu opfern. Das ist ganz normal und anders als im Westen - und in der Tat haben wir auch sehr hohe Erwartungen an unsere Kinder."

Schule in China
galerie

Unterricht in der chinesischen Shaanxi-Provinz.

Die hohen Erwartungen sowie der Druck im Schulsystem führen dazu, dass Kinder oft wie Lernmaschinen behandelt werden, die die Vorstellungen der Eltern erfüllen sollen. Dass Schulkinder nach einem langen Tag in der Ganztagsschule noch  bis 23.00 Uhr Hausaufgaben machen und am Wochenende zusätzliche Kurse besuchen, das gehört in China zum Alltag. Dagegen zu rebellieren, trauen sich nur wenige Kinder und Jugendliche.

Die Eltern müssen sich ändern

Nicht nur die Schule müsse sich daher ändern, sondern auch die Eltern, sagt Lan Hai, die eine Zeitlang in München gelebt hat. Sie denke, "chinesische Eltern müssen vor allem zwei Dinge lernen: Kinder sind unabhängige Individuen und gehören nicht den Eltern". In diesem Punkt seien zum Beispiel deutsche Eltern sehr gut, sagt sie. "Außerdem brauchen Kinder mehr soziale Fähigkeiten. Hier in China sehen wir sie immer nur als Schüler. Außerhalb ihres Schülerdaseins haben Kinder wenig Kontakt mit der Gesellschaft."

Lan Hai bietet in ihrem Erziehungs- und Bildungszentrum Kurse und Camping-Trips an, wo Kinder mehr Eigenständigkeit lernen sollen, Teamfähigkeiten, aber auch, ihren eigenen Ideen und Gedanken zu vertrauen. Die Teilnehmer, meist Einzelkinder im Alter zwischen sechs und sechzehn Jahren, kommen aus gut situierten Mittelklasse-Familien, in denen Klagen über die sture Paukerei in der Schule immer öfter zu hören sind, Klagen über den enormen Druck, über zu wenig Sport, Bewegung und sogar zu wenig Schlaf.

Hip-Hop statt Klavierunterricht 

China
galerie

Kinder spielen in schwimmenden Kugeln in einem Park in China. (03.06.07)

Auch Mutter Li Jianing versucht es anders zu machen. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner fünfjährigen Freunde besucht der kleine Haohua keine zusätzlichen Englisch- und Mathematikkurse in Vorbereitung auf die Grundschulzeit. "Einige Kinder haben den ganzen Samstag einen Kurs nach dem anderen", erzählt die Mutter. Sie halte das für unnötig. "Ich finde, mein Sohn soll spielen und nicht unter Druck gesetzt werden. Heutzutage sind die Kinder doch sehr aufmerksam und clever. Es reicht wenn sie in der Schule lernen."

Doch ganz ohne Drill geht es auch bei Haohua zu Hause nicht zu. Jeden Tag muss Haohua Klavier üben. Zweimal die Woche kommt eine Klavierlehrerin ins Haus. Doch Spaß macht das dem Jungen nicht. "Ich mag Dinge wie Street-Dancing", sagt er. Wenn er groß sei, wolle er Hip-hop-Tänzer werden.

Haohuas Mutter lacht über die Berufswünsche ihres kleinen Sohnes. Als gut verdienende Managerin hofft sie, dass ihr einziger Sohn es eines Tages an eine gute Uni schafft. Daher ist sie, wie viele chinesische Eltern, hin- und her gerissen zwischen dem Wunsch, ihrem Kind mehr Zeit zum Spielen zu gewähren und dem Wissen, dass er ohne Drill und Disziplin im chinesischen Bildungssystem keine Chance hat.

Darstellung: