Ein deutscher Soldat am 24. April 1915 in einem Schützengraben in Westflandern.

Gedenken an Weltkriegsschlacht in Flandern Dem Grauen auf den Grund gehen

Stand: 28.10.2014 17:09 Uhr

Belgien und Deutschland haben der ersten Flandernschlacht im Ersten Weltkrieg gedacht. Bundeskanzlerin Merkel würdigte dabei die Bereitschaft des Nachbarlandes zur Versöhnung. Die Belgier hätten nach Kriegsende zu den allerersten gehört, die den Deutschen die Hand gereicht hätten, so Merkel. In Flandern hatte im Oktober 1914 der Stellungskrieg begonnen. Heute graben Archäologen am Ort des Geschehens nach Spuren des Grauens in den Schützengräben.

Von Wolfgang Landmesser, WDR-Hörfunkstudio Brüssel, zzt. Flandern

Eine gelbe Sandfläche neben einem Maisfeld: Als dunkler Streifen hat sich darauf ein deutscher Schützengraben abgezeichnet. Der bogenförmige Verlauf des Grabens lässt sich noch gut nachvollziehen. An einigen Stellen gruben die Archäologen bereits tiefer - und entdeckten dabei Reste des hölzernen Bodens, berichtet Grabungsleiter Simon Verdegem: "Das waren die Planken, auf denen die Soldaten liefen. Die Wände der Schützengräben waren mit Weidengeflecht befestigt. Die dunkleren Punkte hier waren die Äste, um die die Ruten geflochten waren."

Zum Eingraben war der Boden eigentlich nicht geeignet. Die Archäologen können nachweisen, dass die Truppen am Anfang deutlich tiefere Gräben aushoben. Aber dann kamen Schlamm und Wasser, und sie mussten sich etwas anderes einfallen lassen.

Die Leute dächten immer, die Schützengräben seien unter der Erde gewesen, sagt Verdegem. Aber sehr oft - gerade beim dem feuchten Boden in Flandern - hätten sie einen halben Meter tief gegraben, und der Rest haben dann aus Erdwällen bestanden: "Das macht es für uns schwierig, die Gräben wiederzufinden."

Ausgrabungen auf den Schlachtfeldern von Flandern.
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Ausgrabungen auf den Schlachtfeldern von Flandern.

Spuren des grausamen Stellungskrieges
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Spuren des grausamen Stellungskrieges

Ein Gasnetzprojekt macht es möglich

Hier, im sogenannten Westhoek entlang der belgischen Küste, hinterließ der Stellungskrieg überall seine Spuren. Möglich macht die Ausgrabungen jetzt ein Großprojekt: Der Gasnetzbetreiber Fluxys will eine neue wichtige Leitung bauen. Diese sei die erste Verbindung zwischen Frankreich und Belgien, erklärt ein Sprecher. Man koppele dadurch den französischen mit dem belgischen Gasmarkt und darüber hinaus mit den größten europäischen Märkten - nämlich Deutschland und Großbritannien. Außerdem verbinde man die Flüssiggasterminals in Dünkirchen und Zeebrugge.

Es gab nur ein Problem: Die rund 75 Kilometer lange Leitung geht direkt durch die ehemaligen Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Und das bedeutet einen Riesenaufwand. Denn bevor die Pipeline gebaut werden kann, muss der Boden frei sein von Bomben und Granaten. Auf Weltkriegsmunition spezialisierte Kampfmittelräumdienste müssen die Blindgänger mit Metalldetektoren lokalisieren - und aus der Erde holen. Dann sind die Archäologen an der Reihe.

Ein einzigartiges Projekt

Auch für sie ist der Pipelinebau ein einzigartiges Projekt. An anderen Stellen der ehemaligen Front haben sie schon gegraben, wenn dort neu gebaut wurde. Aber noch nie hatten sie die Gelegenheit, ein Gesamtbild des Frontlinienverlaufs zu bekommen, sagt Grabungsleiter Verdegem. "Das ist ein Glück für uns Archäologen, dass die Pipeline in rechten Winkel zu den Frontlinien verläuft." Wenn sie parallel verliefe, hätte man nur ab und zu ein kleines Stückchen gehabt: "Aber sie geht echt genau durch die Front."

Bis zu 15 Archäologen von drei Firmen sind im Einsatz, um die Befunde entlang der Pipeline aufzunehmen. Es ist die bisher größte Ausgrabung zum Ersten Weltkrieg in Flandern. Ihre Erkenntnisse ergänzen die historischen Quellen, wie Fotografien, Briefe oder Tagebücher. So erforschten die Wissenschaftler Bombenkrater, die Soldaten für ihre Stellungen genutzt haben.

Was vom Ersten Weltkrieg übrig blieb, sammeln die Archäologen zunächst in den Containern am Rand der Ausgrabungen. Die Funde sind in kleinen Plastiktüten verpackt, wie eine Pickelhaube ohne Pickel. Diese seien zunächst aus Leder gewesen, erklärt Verdegem, erst 1915/16 haben sie den Stahlhelm eingeführt, weil es so viele Kopfwunden gab: "Für die Briten waren das populäre Souvenirs." Wenn es eine Explosion gab und die Helme verschüttet wurden, könne man sie nun außerdem wiederfinden.

Zeitzeugenberichte als Ergänzung

Während des Winters können die Archäologen die Funde auswerten. In seinen Grabungsberichten versucht Verdegem, die Ergebnisse der Ausgrabungen mit den historischen Zeugnissen zu verbinden. Zum Beispiel mit Briefen von Soldaten, die in denselben Schützengräben gekämpft haben. Er suche oft nach Berichten von Zeitzeugen, um Vergleiche zu ziehen. "Diese Berichte, etwa von Soldaten über den Zustand von Schützengräben, sind immer überzeugender als die eigenen Worte", meint er. "Wo es sich ergibt, probiere ich das. Und die Kombination ergibt dann ein gutes Bild."

Stück für Stück mehr verstehen von dem, was damals passiert ist: Das fasziniert Verdegem an der Weltkriegsarchäologie. So unbegreiflich der Erste Weltkrieg bis heute ist: Die Ausgrabungen bringen ihn näher heran an das damalige Grauen.

Dieser Beitrag lief am 28. Oktober 2014 um 10:00 Uhr auf NDR Info.

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