Mitglieder der Volksbefreiungsfront TPLF | REUTERS

Raketen auf Asmara gefeuert Tigray-Konflikt droht sich auszuweiten

Stand: 15.11.2020 09:23 Uhr

In Äthiopien spitzt sich der Konflikt um die Region Tigray im Norden des Landes weiter zu. Nun wurde auch die Hauptstadt des Nachbarlands Eritrea mit mehreren Raketen beschossen. Hunderte Menschen flohen in den Sudan.

Der Konflikt in Äthiopien weitet sich auf das Nachbarland Eritrea aus. Am Samstagabend wurden mehrere Raketen von der äthiopischen Region Tigray aus auf die Hauptstadt von Eritrea gefeuert. Berichten zufolge sei das Ziel der Flughafen der Stadt gewesen. Eine der Regierung nahestehende Nachrichtenagentur in Eritrea schreibt, dass der Angriff sein Ziel verfehlte. Die Raketen seien in der Umgebung Asmaras eingeschlagen. Anderen Angaben zufolge wurde der Flughafen getroffen.

Wie viele Geschosse abgefeuert wurden und welcher Schaden dabei entstand, war zunächst unklar. Der eritreische Radiosender Erena berichtete unter Berufung auf Einwohner von Asmara von insgesamt vier Explosionen.

TPLF hatte mit Angriffen gedroht

Die in Tigray regierende Volksbefreiungsfront TPLF bestätigte, Raketen in Richtung Eritrea abgefeuert zu haben. Sie hatte bereits zuvor mit diesem Schritt gedroht. Sie wirft Eritrea vor, die äthiopische Regierung im Konflikt mit der TPLF zu unterstützen. In Tigray hatte es bereits in den vergangenen Monaten Spannungen gegeben. Die TPLF erkennt den äthiopischen Regierungschef Abiy Ahmed nicht an.

Abiy hatte vor gut zehn Tagen Truppen in die Tigray-Region geschickt, nachdem zuvor politische Auseinandersetzungen mit der TPLF eskaliert waren. Was als schnelle militärische Operation gedacht war, scheint sich nun zu einem Konflikt zu entwickeln, der sich auf die gesamte Region ausweitet.

Tausende auf der Flucht

Etwa 20.000 Äthiopier sind in das Nachbarland Sudan geflohen. Die Geflüchteten berichten von vielen Toten in der Zivilbevölkerung. Der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge wurden allein in einem Dorf etwa 100 Menschen grausam getötet. Augenzeugen machten dafür Verbündete der TPLF verantwortlich. Die Vereinten Nationen fordern Aufklärung darüber, ob es sich um Kriegsverbrechen handelt.

Eritrea steht an der Seite von Abiy

Die Volksgruppe der Tigray hatte über Jahrzehnte die Politik in Äthiopien bestimmt und alle wichtigen Positionen in Militär und Regierung besetzt. Als Abiy 2018 das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, löste er alte Seilschaften auf und entmachtete die TPLF zunehmend.

Der politische Konflikt spitzte sich zu, als die so genannte Volksbefreiungsfront im September in Tigray Wahlen abhielt, obwohl die Abstimmung landesweit wegen der Corona-Pandemie verschoben werden sollte. Die TPLF wirft Abiy seitdem vor, sich unrechtmäßig im Amt zu halten. Die Zentralregierung wiederum hat die regionale Regierung für abgesetzt erklärt und eigene Vertreter ernannt.

Abiy Ahmed hatte vergangenes Jahr den Friedensnobelpreis bekommen, weil es ihm gelungen war, einen Friedensvertrag mit dem lange verfeindeten Nachbarland Eritrea zu schließen. Beide Länder hatten sich zuletzt vor rund 20 Jahren in einem blutigen Krieg gegenüber gestanden. Dabei ging es unter anderem um die Grenzziehung in der Tigray-Region. Das Militär in Äthiopien wurde damals maßgeblich von Angehörigen der Tigray geführt. Im jetzigen Konflikt steht Eritrea darum an der Seite von Abiy.

Mit Informationen von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. November 2020 um 09:00 Uhr.