Das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis" im Mittelmeer | Bildquelle: AFP

Frankreich und die Türkei Kraftprobe im Mittelmeer

Stand: 25.09.2020 13:16 Uhr

Frankreich versteht sich seit jeher als Ordnungsmacht im Mittelmeer. Das Kräftemessen mit der Türkei hat Auswirkungen, die bis Berlin reichen: Deutschland nimmt seine klassische Rolle ein.

Von Sabine Rau, ARD-Studio Paris

Im Augenblick stehen die Zeichen auf Entspannung im Scharmützel zwischen Paris und Ankara. Nach einem mehr als einstündigen Telefonat zwischen den beiden Präsidenten Emanuel Macron und Recep Tayyip Erdogan am vergangenen Dienstag hieß es aus dem Elysée-Palast, man begrüße die Bereitschaft Griechenlands und der Türkei, über ihre Differenzen zu reden und einen Dialog zwischen der EU und der Türkei einzuleiten, der die Interessen beider Seiten respektiere.

So viel diplomatische Contenance war lange nicht mehr zwischen den beiden selbst- und machtbewussten Präsidenten. Tatsächlich hatten sich Erdogan und Macron im verbalen Schlagabtausch zuletzt nichts geschenkt.

Ansprüche, die aneinder geraten

Der französische Präsident versteht sich - traditionell - als Ordnungsmacht im Mittelmeer, und das aus Pariser Sicht "großosmanische Gebaren" des Türken und seine aggressive Rhetorik haben Macron bis aufs Äußerste gereizt. Während Erdogan Macron zugleich "Inkompetenz" und "koloniales Verhalten" vorhielt, bilanzierte dieser zuletzt: Die Türkei sei "kein Partner" mehr.

Die Liste der Auseinandersetzungen zwischen Ankara und Paris ist lang: Neben dem Streit um die Gasbohrungen vor der Küste Zyperns geht es um die zunehmenden Einflussversuche der türkischen Religionsbehörde in Frankreich, es geht um Erdogans militärisches Vorgehen gegen die Kurden in Syrien - und nicht zuletzt geht es um kontroverse Interessen in Libyen. Macron unterstützt den General Chalifa Belqasim Haftar, Erdogan die international anerkannte Regierung.

Die französische Fregatte Le Courbet (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Geriet ins türkische Radar: die französische Fregatte "Courbet"

Verdächtigungen und Warnsignale

Mitte August eskalierte die Lage, nachdem es zuvor im Mittelmeer zu einer gefährlichen Konfrontation zwischen mehreren türkischen und einer französischen Fregatte gekommen war. Dabei wurde die französische Fregatte "Courbet" von einem türkischen Feuerleitradar erfasst - üblicherweise die Vorstufe zu einem Angriff. Die Franzosen hatten ein verdächtiges Schiff inspizieren wollen, auf dem unerlaubtes Militärgut vermutet wurde. Denn, so heißt es aus französischen Militärkreisen schon länger: Die Türkei unterlaufe immer wieder das Waffenembargo gegenüber Libyen schaffe Militärmaterial über das Mittelmeer ins Land.

Macron schickte nach dem Zwischenfall zuerst einen wütenden Tweet und dann zwei Rafale-Kampfflugzeuge, sowie die Fregatte "La Fayette" ins östliche Mittelmeer. Im Elysée-Palast ist man davon überzeugt: Das ist die einzige Sprache, die Erdogan versteht. Berlin schaute mit Besorgnis auf den sich zuspitzenden Konflikt zweier Nato-Partner. Bundeskanzlerin Angela Merkel intervenierte auf beiden Seiten.

Unterdessen hatte sich Macron im Streit um die Gasbohrungen im Mittelmeer kompromisslos auf die Seite Griechenlands geschlagen. Auch das wurde mit Stirnrunzeln in Berlin registriert. Dass Frankreich für Griechenland Partei ergreift, dürfte nicht zuletzt auch handfeste wirtschaftliche Motive haben: Noch in diesem Jahr soll mit dem hochverschuldeten Griechenland ein Milliardengeschäft über den Kauf von 18 französischen Rafale-Kampfjets abgeschlossen werden. Eine langfristige Rüstungs-Partnerschaft im Marinebereich ist ebenfalls auf den Weg gebracht.

Nachdem es zwischen Merkel und Macron in außenpolitischen Fragen zuletzt immer wieder geknirscht hatte, ist man spätestens seit dem letzten EU-Gipfel wieder bemüht, den vielzitierten deutsch-französischen Motor wieder ans Laufen zu bringen. Auch mit Blick auf den schwelenden Konflikt im Mittelmeer.

Ein französischer Kampfjet des Typs "Rafale" der Firma Dassault Aviation bei einer Pressevorführung Ende Januar 2020. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Bald auch mit griechischen Hoheitszeichen? Der französische Kampfjet des Typs "Rafale" soll Teil eines Milliardengeschäfts werden.

Deutsch-französische Rollenteilung

"Good cop - bad cop": Das sei die Rollenverteilung zwischen Merkel und Macron, sagt ein französischer Diplomat im Hintergrundgespräch. Das Mittelmeer sei ein Schauplatz vieler europäischer und internationaler Konflikte. Der französische Politologe Bruno Tertrais wird deutlicher. Er sagt: "Es gibt nationale, politische Unterschiede - und persönliche", gemeint sind Merkel und Macron. "Frankreich ist immer schneller als Deutschland dabei, in zentralen strategischen Fragen eine Führungsrolle einnehmen zu wollen, zumal wenn es dabei auch um militärische Fragen geht", sagt Tertrais.

Das heißt: Frankreich ist eher bereit als Deutschland, auch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, notfalls mit der gepanzerten. Die öffentliche Zurückhaltung Berlins gegenüber Erdogan und seinem aggressiven Kurs im Mittelmeer wurde in Frankreich vielfach als Leisetreterei aufgenommen - womöglich aus Rücksicht auf die drei Millionen türkischstämmigen Einwohner in Deutschland.

Dass der Konflikt zwischen Erdogan und Macron nach dem Telefongespräch diese Woche beigelegt ist, glaubt Tertrais eher nicht. Denn Erdogan verfolge generell eine "spannungsgeladene" und "expansive Strategie". In Paris glaubt man: Fortsetzung folgt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. September 2020 um 18:40 Uhr.

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