Macron und Erdogan schütteln sich auf dem NATO-Gipfel in Brüssel 2018 die Hände | Bildquelle: REUTERS

Macron und Erdogan Zwei Präsidenten im Dauerclinch

Stand: 25.09.2020 13:16 Uhr

Sie sind NATO-Partner, doch die Beziehungen zwischen der Türkei und Frankreich sind gespannt. Seit sie im östlichen Mittelmeer aneinandergerieten, unterstellt Ankara Paris innenpolitische Motive.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Plötzlich platzt es aus ihm heraus. Niemand aus der Runde deutscher Journalisten hatte ihn danach gefragt. Aber Ibrahim Kalin, außenpolitischer Berater und Sprecher von Recep Tayyip Erdogan, verschafft sich am Dienstag seinem Groll über Emmanuel Macron Luft. Zuerst erinnert er daran, dass es der französische - und nicht der türkische - Präsident war, der der NATO einen Hirntod attestiert habe. Dann kritisiert er, manche Länder neigten dazu, die Türkei für dies und jenes zum Sündenbock zu stempeln. Auch der französische Präsident tue das. Ständig die Türkei zu thematisieren, moniert Kalin, diene aber eher innenpolitischen Zwecken als der Lösung der eigentlichen Probleme. 

Erdogan und Macron liegen seit Monaten im Dauerclinch. Im Spätherbst vergangenen Jahres marschieren türkische Truppen in Nordsyrien ein. Macron veranlasst das zu seiner harten Kritik am Zustand der NATO. Anfang des Jahres geraten beide Präsidenten wegen des türkischen Engagements in Libyen aneinander. Im Juni kommt es vor der libyschen Küste zum gefährlichen Zwischenfall. Eine französische Fregatte will ein Frachtschiff inspizieren, um Waffenlieferungen nach Libyen zu verhindern. Daraufhin nimmt ein türkisches Kriegsschiff die französische Fregatte ins Visier - so die französische Darstellung. Als Erdogan im August das Forschungsschiff Oruc Reis - eskortiert von Kriegsschiffen - zur Erkundung von möglichen Gasfeldern in mit Griechenland umstrittene Gewässer schickt, stellt sich Paris auf die Seite Athens und schickt Marineeinheiten ins östliche Mittelmeer

Griechenland hält gemeinsam mit Frankreich, Zypern und den Vereinigten Arabischen Emiraten Manöver ab. Als Reaktion darauf kündigt die Türkei an, ihrerseits Manövern abzuhalten, bei denen mit scharfer Munition geschossen wird. 

Bundeskanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident Macron und der türkische Präsident Erdogan (v.l.). | Bildquelle: AP
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Die Präsidenen Erdogan und Macron liefern sich seit Wochen einen verbalen Schlagabtausch. Kanzlerin Merkel versucht zu vermitteln.

Erdogan: Macron kennt eigene Geschichte nicht

Das gemeinsame Manöver von Griechen und Franzosen sei eine Machtdemonstration gewesen, die Präsident Erdogan zum Nachdenken gebracht habe, heißt es aus NATO-Kreisen. Doch verbal rüstet der 66-jährige türkische Präsident deswegen nicht ab. Im Gegenteil: Mitte September prophezeit er an die Adresse Macrons, dass dieser noch viele Probleme mit ihm haben werde. Außerdem laufe dessen Zeit als französischer Präsident bald ab. Macron, so unterstellt Erdogan, sei geschichtsvergessen. Immerhin habe Frankreich in Algerien, Libyen und Ruanda mehr als eine Millionen Menschen getötet. Folglich könne der französische Präsident der Türkei keine Lektionen erteilen. Zuvor hieß es bereits aus Ankara, der französische Präsident fördere mit seiner nationalistischen Haltung die Spannungen in der Region und bringe damit die Interessen der EU in Gefahr.

Das türkische Feuerwerk verbaler Angriffe gegen Macron erinnert an das Verhältnis zwischen Berlin und Ankara nach dem Putschversuch im Juli 2016. Damals arbeitete sich Erdogan an Bundeskanzlerin Merkel ab. Nun ist es der französische Präsident, den Erdogan als Feind der Türkei und des türkischen Volkes ausgemacht hat. Wohl auch, um von Corona und den wirtschaftlichen Problemen vor der eigenen Haustür abzulenken, urteilen Beobachter.

Berlin wird zum Vermittler

Berlin ist inzwischen der Vermittler zwischen Athen und Ankara. Die Bundeskanzlerin war in den letzten Wochen im ständigen Gespräch mit beiden Seiten und sorgte mindestens einmal dafür, dass die Spannungen nicht eskalierten.

Die deutschen Beschwichtigungen zeigten vor dem auf Anfang Oktober verschobenen Gipfel des Europäischen Rates Erfolg. Frankreich, Griechenland und Zypern forderten Sanktionen der EU gegen die Türkei. Ankara beorderte das Forschungsschiff Oruc Reis und seine Begleitfregatten zurück. Präsident Erdogan und der griechische Regierungschef Mitsotakis seien zu Gesprächen bereit, heißt es von beiden Seiten. Am Abend des vergangenen Dienstag telefonierten Macron und Erdogan sogar miteinander. Der türkische Präsident habe dabei eine konstruktive Haltung des Franzosen gefordert, heißt es aus dem Palast in Ankara. Macron habe Erdogan davor gewarnt, einseitige Maßnahmen zu ergreifen.

Sondierungsgespräche zwischen Griechenland und der Türkei könnten bald beginnen, Sanktionen sind vorerst abgewendet, die Zeichen stehen momentan auf Deeskalation. Doch der türkische Groll gegen Macron ist noch lange nicht aus der Welt. Einen Tag nach dem Telefongespräch ließ sich Außenminister Mevlut Cavusoglu - auch vor deutschen Journalisten - über Frankreich aus. Dessen Vorgehen im östlichen Mittelmeer sei nicht richtig, die Franzosen würden sich nur einmischen, weil ihre Politik in Libyen erfolglos sei. Im Übrigen wolle Frankreich eine Führungsrolle in der EU übernehmen.

Das klingt so, als ob die Keilerei zwischen Macron und Erdogan jederzeit wieder losbrechen könnte.

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