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Türkei meldet Ansprüche an Der Kampf ums Erdgas vor Zypern

Stand: 04.08.2019 02:21 Uhr

Vor der Insel Zypern im östlichen Mittelmeer sollen große Erdgasvorkommen liegen. Die Türkei meldet Ansprüche an. Dabei geht es weniger um Gas als um die Vormachtstellung in der Region.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Als im Jahr 2011 vor Zyperns Küste erstmals ein Erdgasfund vermeldet wurde, vergab die Regierung der Republik Zypern großzügig Lizenzen an ausländische Energiekonzerne. Man witterte die Chance zum Erdgas-Exporteur aufzusteigen und damit das große Geld zu verdienen. Doch das ungelöste Zypern-Problem sorgt dafür, dass sich dieser Traum bisher nicht erfüllt.

Katharina Willinger ARD-Studio Istanbul

Die beiden größten Volksgruppen auf der Insel sind Griechen und Türken. Als griechische Putschisten 1974 einen Anschluss Zyperns an Griechenland versuchen, rückt türkisches Militär auf der Insel ein. Zum Schutz türkischer Zyprer, wie es damals aus Ankara heißt.

Seitdem ist die Insel geteilt. Der Norden gilt völkerrechtlich als besetzt und wird nur von der Türkei anerkannt, ist fast vollkommen von ihr abhängig. Der Süden, die Republik Zypern, ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. De jure regiert sie die gesamte Insel, de facto jedoch nur den griechisch besiedelten Süden.

Gasfunde riefen Regierung auf den Plan

Die Gasfunde riefen die politische Führung des Norden auf den Plan, verbal angeführt von der Garantiemacht Türkei. Die würde sich übergangen fühlen, sagt der Politikwissenschaftler Hubert Faustmann, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung auf Zypern: "Die Konfrontation verläuft nach dem Motto Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Türkei hat immer klar gemacht, dass sie zu einer Eskalation bereit ist und seit Jahren angekündigt, dass sie in der Exklusiven Wirtschaftszone Zyperns bohren wird." Vorrangig ginge es jedoch um nationales Prestige: "Die Regionalmacht Türkei möchte sich nicht von den griechischen Zyprern auf der Nase herumtanzen lassen."

Mit drei Schiffen ist die Türkei derzeit vor der Küste Zyperns unterwegs. Das Bohrschiff "Fatih" sucht südwestlich der Insel nach Erdgas. Die Republik Zypern und die EU sehen darin eine Verletzung der Exklusiven Wirtschaftszone (EWZ) der Insel. Laut Faustmann ist das jedoch eine rechtliche Grauzone: "Nach internationalem Recht ist es so, dass es zwischen zwei Ländern ein Abkommen darüber geben muss, das auch von beiden Ländern ratifiziert werden muss, bis eine EWZ international anerkannt wird."

Das türkische Verteidigungsministerium veröffentlichte am 9. Juli dieses Foto. Es zeigt das Bohrschiff "Fatih" mit militärischer Eskorte. | AFP

Bereits die Bemalung des Bohrschiff "Fatih" verdeutlicht die Ansprüche der Türkei. Das Verteidigungsministerium in Ankara setzt auf klare Signale. (Foto vom 9. Juli) Bild: AFP

Türkei geht militärischer Intervention nicht aus dem Weg

Ein Abkommen existiert jedoch nicht - und genau darauf beruft sich Ankara. Dabei geht die Türkei jedoch auch einer militärischen Konfrontation nicht aus dem Weg. Bereits im Frühjahr 2018 drängte ein türkisches Kriegsschiff ein Bohrschiff des italienischen Energiekonzerns Eni ab, das von der Republik eine Lizenz zur Ausbeutung erhalten hatte.

Auch die türkischen Bohr- und Erkundungsschiffe, die derzeit vor Zypern unterwegs sind, würden fortwährend von Fregatten begleitet, verkündete das türkische Verteidigungsministerium vor wenigen Tagen und teilte entsprechende Bilder im Netz.

Der Erdgas-Streit belastet auch mögliche Gespräche über eine Wiedervereinigung Zyperns, die seit 2017 ohnehin auf Eis liegen. "Gerade kochen alle Spannungen und Feindseligkeiten der letzte Jahre auf Grund des Gaskonflikts wieder hoch. Alles wird in Frage gestellt und Differenzen, die wir eigentlich schon überwunden hatten, sind plötzlich wieder da", erklärt Andromachi Sofocleous vom Verein "Unite Cyprus Now", der sich für eine Wiedervereinigung einsetzt.

Die nordzyprische Führung schlug vor kurzem ein gemeinsames Komitee rund um die Erdgasbohrungen vor. Der Süden lehnte jedoch ab: Solange Ankara auf der Insel mitmische, gebe es keine Deals. Bis heute sollen ungefähr 35.000 türkische Soldaten auf Nordzypern stationiert sein. Eine Tatsache, um die bei früheren Gesprächen zu einer möglichen Wiedervereinigung heftig gestritten wurde.

Türkei erkennt Zypern nicht an

Doch in einer Lösung des Zypern-Problems sieht Aktivistin Andromachi Sofocleous die einzige Möglichkeit, den Erdgas-Konflikt aus dem Weg zu räumen. "Sonst müsste man sich mit Ankara im Gaskonflikt einigen und das wird nicht geschehen, denn die Türkei erkennt die Republik Zypern nicht an. Das Wichtigste, was die zyprische Politik also derzeit tun müsste, wäre sich wieder auf eine Lösung des Zyperns-Problem zu fokussieren." Damit hätten ausländische Regierungen wie die Türkei auch keinen Einfluss mehr auf Ressourcen der Insel.

Doch ob politisches Interesse an einer Wiedervereinigung besteht, daran zweifeln immer mehr Beobachter. Ernsthafte Signale sendete die Regierung der Republik um Staatspräsident Nikos Anastasiadis zuletzt nicht. Zwar soll es am 9. August ein Treffen mit seinem türkisch-zyprischen Amtspartner Mustafa Akıncı geben. Politikwissenschaftler Faustmann hält etwaige Gespräche derzeit jedoch für wenig aussichtsreich.

Mauer und Stacheldraht in der geteilten Hauptstadt Nikosia (Zypern) | Katharina Willinger

Die Hauptstadt Nikosia ist noch immer durch eine Mauer getrennt. (Foto: Katharina Willinger) Bild: Katharina Willinger

Erdgas könnte Wiedervereinigung gefährden

Und das alles wegen einer vagen Hoffnung auf Gas, denn wirklich große Funde seien bislang gar nicht gemacht worden, so Faustmann: "Dieses Mittelmeergas, gerade vor Zypern, liegt sehr tief. Es ist ein sehr teures Gas. Es würde auf dem europäischen Markt mit einem Preis ankommen, der so deutlich über dem russischen, aber auch über dem amerikanischen Gaspreis liegt, dass es für Europa gar keine Alternative ist."

Der vermeintliche Erdgas-Schatz vor Zyperns Küste könnte sich am Ende also nicht nur als wertlos erweisen, er könnte auch eine Wiedervereinigung der Insel ernsthaft gefährden.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 04. August 2019 um 12:45 Uhr in der Sendung "Europamagazin".