Erdbeben in Izmir
Reportage

Nach Erdbeben in der Ägäis Aufgeben kommt nicht infrage

Stand: 01.11.2020 11:46 Uhr

Nach dem Erdbeben in der Türkei geht die Suche nach Überlebenden weiter. Regelmäßig pausieren in Izmir die Bagger, damit die Rettungskräfte mögliche Lebenszeichen nicht überhören. Die Zahl der Toten ist auf mehr als 60 gestiegen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul, zzt. Izmir

Für ein paar Momente ist es fast gespenstisch still um ein eingestürztes Haus in Izmir. Die Rettungskräfte bewegen sich kaum, die Menschen, die sie bei ihrer Arbeit beobachten, schweigen plötzlich, die Maschinen sind abgeschaltet. Alle lauschen nach einem Klopfen, Rufen, nach irgendeinem Geräusch aus dem riesigen Trümmerhaufen.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Immer wieder gebe es in den Stunden nach dem Erdbeben tatsächlich Lebenszeichen, erzählt Bircan Tolunay, Einsatzleiterin des Rettungsvereins AKUT. Sie hätten von der Seite her einen Tunnel gegraben. "Wir denken, dass wir bis ins 5. Stockwerk durchgedrungen sind. Da meinen wir noch Lebensanzeichen von Verschütteten gehört zu haben. Wir versuchen momentan, sie zu erreichen", erzählt Tolunay.

Rettung im Schichtbetrieb

Sie seien gleich am Freitag aus de Region Antalya angereist. Seitdem arbeiteten sie im Schichtbetrieb durch, erzählt die 50-Jährige. Sie hat ihr Halstuch über die Nase gezogen, um sich vor Corona, aber auch dem feinen Staub in der Luft zu schützen. Der hat sich über ihre rote Warnweste und die rote Hose wie ein grauer Schleier gelegt.

"Wir werden dieses eingestürzte Haus nicht verlassen, wir sind hier und wir bleiben auch", sagt Tolunay. Das könne drei Tage dauern oder auch vier. "Bis wir hier nicht komplett durch sind, bis es endgültig kein Lebenszeichen mehr gibt, wollen wir auf keinen Fall von diesen Trümmer weggehen. Man geht davon aus, dass es drinnen rund 50 Menschen gibt." Sie hätten nicht vor zu gehen, bis sie alle dort herausgeholt hätten.

Zahl der Todesopfer steigt

Mehr als 100 Menschen haben sie bis zum Abend in Izmir aus den Trümmern retten können. Allerdings steigt auch die Zahl der Toten, je mehr Zeit vergeht. Überall leere Blicke und Tränen. Eine junge Frau bricht fast zusammen, mehrere Frauen stützen sie. Einer ihrer Lieben ist wohl unter den Todesopfern.

Ercan Altunsaray hofft dagegen noch. Er sitzt in einem weißen Plastikcampingstuhl, eine Wolldecke über den Schultern ein paar Meter weg von dem eingestürzten Haus. Sein Cousin, der in dem Haus gewohnt hat, ist seit dem Erdbeben verschwunden.

Billiges Baumaterial

"Am Anfang war noch unklar, wo genau die Rettungskräfte suchen müssen. In solchen Fällen zeigen die Helfer immer Gegenstände, die sie aus den Trümmern holen, um sie zu identifizieren", sagt Altunsaray. In seinem Fall war das ein Sessel. "Den haben wir erkannt und so haben sie die Wohnung geortet." Den Cousin allerdings noch nicht.

Eine Straßenecke weiter sind von einem Haus nicht mal mehr Trümmer übrig, nur Staub, so scheint es. Es sind keine Wände mehr erkennbar. Man hat früher mit billigen Materialien gebaut, außerdem bestehe der Untergrund stellenweise aus Schwemmboden, erklärt ein Bauingenieur. Darauf lasse sich kein stabiles Fundament errichten.

Noch immer Hoffnung auf Überlebende

Die 50-Jährige Ayse beobachtet die Retter. Sie wohnt im Haus direkt neben dem eingestürzten Gebäude und war während des Erdbebens auf dem Balkon. "Ich habe das Haus gar nicht gesehen. Mein älterer Sohn hat angerufen, als er aus der Schule kam und sagte, 'Mama, das Haus stürzt ein'." Ein Freund des Sohnes habe dort gewohnt. "Er ist recht schnell lebend gefunden worden und noch sieben weitere - in der ersten halben Stunde nach dem Beben, danach niemand mehr. Ein Albtraum", sagt Ayse.

Vorhin hätten sie wieder kurz Stille angeordnet, weil man was abhören wollte, erzählt Ayse. "Angeblich sind noch welche drinnen. Eigentlich müsste noch mindestens die Hälfte der Bewohner unter den Trümmern sein."

Helfer graben mit bloßen Händen

Um die Häuser stehen Lkw mit Flutlicht für die Nacht, große Kräne und Bagger. Sie kommen aber nur ab und zu zum Einsatz. Oft graben die Helfer mit bloßen Händen oder einem Spaten.

Altunsaray, der noch immer seinen Cousin vermisst, lobt die Arbeit der Rettungskräfte. "Ich finde vor allem, dass sie gut koordiniert arbeiten. Sie gehen behutsam und schrittweise vor."

An die 5000 Helfer sollen in der Region Izmir im Einsatz sein. Freiwillige schenken heiße Suppe und Tee aus. Die Nächte sind auch in Izmir inzwischen frisch. Zwei junge Männer sitzen auf dem Gras in eine orangene Decke gewickelt. Sie trauen sich nicht mehr in ihre Wohnung.

Bewohner dürfen nicht in ihre Häuser

Auch Asye kann nicht zurück, obwohl das Haus noch steht. Es sei verboten in die Häuser zu gehen, weshalb Zelte aufgebaut wurden. "Ich bin nur zurück gekommen, um zu schauen, ob wegen des Hauses etwas entschieden wurde" sagt Ayse. Das ganze Viertel sei abgesperrt worden. "Unser Haus soll wohl abgerissen werden. Wir wollen da auch gar nicht mehr rein. Es ist eh nicht mehr bewohnbar, völlig ausgeschlossen, es ist alles kaputt." Ihre Freundin nimmt sie in den Arm.

Präsident Recep Tayyip Erdogan kommt am Abend nach Izmir. Er verspricht Ayse und all den anderen, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben zu, man werde sie finanziell unterstützen.

Viel wichtiger scheinen den Menschen aber im Moment Meldungen wie diese zu sein: Nach 33 Stunden bergen die Rettungskräfte in der Nacht einen 55-Jährigen Mann. Ahmet heißt er. Das dürfte auch Ercan Altunsaray Hoffnung machen, dass er seinen Cousin lebend wiedersieht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. November 2020 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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schabernack 01.11.2020 • 21:37 Uhr

21:15 von pxslo

«Na, ja. Das Problem sind nicht die Decken, sondern die Stützen. Wenn dort nicht der richtige Beton mit richtiger Bewehrung eingebaut wurde, nützt auch die beste Decke nichts.» Der Hauptpunkt bei Erdbeben ist immer, wie das Gebäude als Ganzes die vom Erdbeben übertragene Energie / Kräfte aufnimmt. Sind die Decken / Zwischenböden nicht sachgerecht ausgeführt. Dann taugen sie nix, und verhindern die Energie-Aufnahme, wie sie eigentlich sein sollte. Sie können zusammenstürzen, oder sich von der Tragstruktur trennen. Und schon stürzt was ein, was auch den Stützen trotz geeigneter Ausführung gefährlich werden kann. Bis hin zu Kompletteinsturz, weil dann die Verbindungsglieder "Decken" zwischen den Stützen fehlen. Sehr komplex ist Bauen in möglichst standhaft gegen Erdbeben. Und gar nicht nur "ein türkisches Problem". Aber dort in der Türkei ist nun mal viel mehr Erdbebengefahr als in Deutschland. Auch ohne "The Big One" für Istanbul als Teufel an die Wand zu malen …