Jeffrey Epstein | REUTERS

Fall Epstein Viele Fragen bleiben offen

Stand: 12.08.2019 10:54 Uhr

Nach dem Tod des Milliardärs Epstein fordern seine mutmaßlichen Opfer Aufklärung: Warum konnte er sich in seiner Zelle das Leben nehmen? Und haben die kurz zuvor veröffentlichten Dokumente etwas damit zu tun?

Von Antje Passenheim,

ARD-Studio New York

Für Epsteins mutmaßliche Opfer bleibt der Schock. "Schock, Verstörtheit, Übelkeit", beschreibt Gloria Allred die Gefühle. Die Anwältin, die viele von Epsteins Opfern vertritt, hat ihnen die Nachricht vom mutmaßlichen Selbstmord des Angeklagten selbst überbracht. "Sie haben viele, viele Fragen: Wie konnte das passieren?", sagt sie.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Auch Justizminister William Barr reagierte schockiert: Er sei "entsetzt" zu hören, dass Epstein sich offenbar das Leben nehmen konnte, während er im Gefängnis war. Der Vorfall werfe "ernste Fragen" auf, die beantwortet werden müssten. Er habe daher eine Untersuchung angeordnet. Und auch die Bundespolizei FBI und die New Yorker Gefängnisverwaltung gehen der Frage nach, die Anwältin Allred im Fernsehsender MSNBC stellt: "Wie kann einer in seiner Zelle sich das Leben nehmen, der offenbar schon einmal versucht hat, sich umzubringen?"

Besondere Kontrolle am 29. Juli aufgehoben

Bereits im vergangenen Monat hatten Wärter den 66-Jährigen bewusstlos und mit Verletzungen am Nacken am Boden seiner Zelle aufgefunden. Daraufhin hatten die Gefängnisbehörden Epstein wegen Selbstmordgefahr unter besondere Beobachtung gestellt und ihm Schnürsenkel, Laken und andere Gegenstände weggenommen, mit denen er sich hätte das Leben nehmen können. Die "New York Times" berichtet, der ehemalige Hedgefonds-Manager habe täglich einen Psychiater gesehen, der sich ein Bild von ihm machte. Doch am 29. Juli sei diese besondere Kontrolle aufgehoben worden.

Aufseher hätten in der Nacht vor Epsteins Tod alle 30 Minuten in seine Zelle hineinsehen sollen, was aber nicht geschehen sei, hieß es in dem Zeitungsbericht. Zudem sei Epstein am Samstagabend allein in der Zelle gewesen, nachdem ein Mithäftling verlegt worden sei.

Weshalb, das sei die Frage, sagt auch Rechtsexperte Danny Cevallos: "Häftlinge, die wie Jeffrey Epstein vor ihrer Verurteilung stehen, begehen häufiger Selbstmord als diejenigen, die bereits ihre Strafe absitzen."

Überstunden des Gefängnispersonals?

Die Nachrichtenagentur AP berichtet, dass das Personal des Gefängnisses, in dem Epstein saß, offenbar massive Überstunden machte. Der 66-Jährige wartete in einem Hochsicherheitstrakt in New York auf seinen Prozess. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn im vergangenen Monat des Missbrauchs von zahlreichen minderjährigen Mädchen und des Handels mit ihnen angeklagt. Opfer berichten: Über Jahre soll Epstein sie als Sexsklavinnen gehalten haben. Auf Partys habe er sie zu sexuellen Handlungen mit anderen - teils prominenten - Männern gezwungen.

Kurz vor dem Tod brisante Dokumente veröffentlicht

Epstein könne nun nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Aber die mutmaßlichen Opfer könnten zu ihrem Recht kommen, so Cevallos: "Die zivilen Verfahren gegen Epstein gehen weiter. Die Opfer können auf eine Entschädigung aus seinem Vermögen klagen." Es soll rund 500 Millionen Dollar schwer sein. Der ehemalige Wall-Street-Banker, der gut mit einflussreichen Persönlichkeiten vernetzt war, besaß mehrere Anwesen, Jets und Inseln.

Nur wenige Stunden vor Epsteins Tod hatte das Gericht brisante Dokumente freigegeben. Danach waren zahlreiche bekannte Persönlichkeiten in den Sex-Skandal verwickelt - unter ihnen der britische Prinz Andrew, Star-Strafverteidiger Alan Dershowitz sowie einige hochrangige US-Politiker.

Verschwörungstheorien kursieren

Die Zeitfolge von Veröffentlichung und Todesnachricht heizt in den USA viele Verschwörungstheorien an: Epstein könnte aus dem Weg geräumt worden sein, damit er im Prozess nicht noch weitere prominente Namen nennt. US-Präsident Donald Trump schreckte auf Twitter nicht davor zurück, eine Nachricht zu teilen. Darin wird Bill Clinton mit dem Tod von Epstein in Verbindung gebracht.

Die Ironie: Nicht nur Clinton, sondern auch Donald Trump soll eine Zeitlang enge Beziehungen zu dem verstorbenen angeklagten Sextäter gehabt haben. Die politische Dimension des Skandals interessiert auch Anwältin Allred. "Wir werden sicherstellen, dass jeder, der mit Herrn Epstein zusammengearbeitet hat und ihm diese Verbrechen an Kindern möglich gemacht hat, zur Verantwortung gezogen wird", verspricht sie. "Wir - und vor allem die Opfer - wollen Antworten. Und wir werden sie bekommen."

Anmerkung zur Berichterstattung über Selbsttötungen

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. August 2019 um 23:17 Uhr. Zudem berichtete über dieses Thema B5 aktuell am 12. August 2019 um 07:10 Uhr.