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Entwicklungshilfe in Afrika Viel hilft nicht immer viel

Stand: 12.07.2019 03:45 Uhr

Afrika und Entwicklungshilfe sind scheinbar untrennbar miteinander verbunden. Afrikanischen Wirtschaftsexperten zufolge bewirkt sie jedoch nicht nur Gutes. Bremst sie die Eigeninitiative?

Von Sabine Bohland, ARD-Studio Nairobi

Shukri Ahmed Osman malt hingebungsvoll Blumenmuster mit einer schwarzen Paste auf den Arm ihrer Nachbarin. Die Henna-Malerei macht ihr besonders viel Spaß. Vor vier Jahren ist sie ohne Perspektive mit fünf Kindern in ihre Heimat Somalia zurückgekehrt. Davor lebte sie jahrelang in einem Flüchtlingslager in Kenia.

Sabine Bohland

Mit deutscher Hilfe ist sie in der somalischen Hafenstadt Kismayo zu einer Art Kosmetikerin ausgebildet worden. Auch ihre Rückkehr wurde mit Geld aus dem Ausland bezahlt, das Leben im Flüchtlingslager zum größten Teil ebenfalls.

Wie so viele Afrikaner lebt Osman von Entwicklungshilfe. Sie möchte selbstständig sein, sagt sie. "Nur so kann ich für meine Kinder sorgen und Strom und Wasser bezahlen. Von Hilfsgeldern abhängig zu sein ist keine Existenzgrundlage."

Shukri | Sabine Bohland/WDR

Shukri ist aus Kenia nach Somalia zurückgekehrt und hat eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht. Bild: Sabine Bohland/WDR

Eines der Hauptprobleme: ungerechte Verteilung

Krisen, Kriege und Katastrophen in vielen Ländern prägen nach wie vor das Bild Afrikas in den so genannten entwickelten Ländern. Die Botschaft: Der Kontinent ist arm, hilflos und dringend auf die Unterstützung von großzügigen Gönnern im Westen angewiesen.

Doch Wirtschaftsexperten aus verschiedenen Ländern Afrikas sagen: Die Finanzspritzen aus dem Ausland haben die wirtschaftliche Entwicklung nicht voran gebracht, sondern vieles nur noch schlimmer gemacht.

Entwicklungshilfe habe bewirkt, dass Afrikaner es Hilfsorganisationen überlassen, ihre Probleme zu lösen, sagt zum Beispiel der kenianische Ökonom James Shikwati. "Das macht es schwer, der Welt zu zeigen, welches Potenzial die Menschen in Afrika haben."

Denn Afrika ist ein reicher Kontinent. Shikwati hält die ungerechte Verteilung dieses Reichtums für eines der Hauptprobleme, zum Beispiel in seiner Heimat Kenia.

"Es ist wirklich traurig", meint er, "Wir haben diese ständigen Spendenaktionen, anstatt dass die Regierung ihrer Verantwortung nachkommt und beispielsweise die Landwirtschaft oder ihr Verteilungssystem rationalisiert."

Internationale Hilfe unterbindet Afrikas Eigeninitiative

Die internationale Hilfe nehme der Regierung die Arbeit ab und unterbinde Eigeninitiative der Bevölkerung. Seit den 1950er- und 1960er-Jahren sind Milliarden nach Afrika geflossen. Ohne nennenswerten Erfolg, davon ist Ökonom Shikwati überzeugt.

Das Narrativ und die Ziele der Entwicklungshilfe haben sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verändert. Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) spricht seit Kurzem nun vom "Compact with Africa". Privatinvestitionen sollen gefördert werden, also mehr Handel statt Hilfe.

In Ländern wie Somalia wird das schwierig, denn welcher mittelständische Unternehmer investiert schon in einen sogenannten gescheiterten Staat? Hier findet also eher die klassische Form von Entwicklungshilfe statt.

Afrikaner vermissen Augenhöhe

Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) führt die Programme für Rückkehrer wie die Kosmetikerin Osman durch. Ausbildung steht im Vordergrund. Brigitte Reichelt von der GIZ glaubt an das Konzept.

Es gehe ja nicht nur um Geld, denn Geld allein genüge nicht. "Es geht um Beratung, es geht um Gespräche, um Dialog, um Auseinandersetzung. Das verstehe ich unter Entwicklungszusammenarbeit. Es geht um Zusammenarbeit und nicht nur um Hilfe. Das Wort Hilfe ist nicht so angebracht, es geht um Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe."

Doch viele Afrikaner fühlen sich offenbar von den westlichen Geldgebern bevormundet. Die Augenhöhe vermissen sie. Die Lösung der Probleme sehen Wirtschaftsexperten wie Shikwati auf dem Kontinent selbst. Afrika ohne Hilfe würde bedeuten, dass afrikanische Länder ihre Handelsschranken abbauen. "Sie würden feststellen, dass sie sich gegenseitig brauchen. Innerafrikanische Märkte würden entstehen und die Ausrichtung auf die Geberländer kleiner werden."

Bundesentwicklungsminister Müller in einem Flüchtlingslager in Juba im Südsuda | KNA-Bild

Bundesentwicklungsminister Müller plant Fördermöglichkeiten für private Investoren in Afrika. Die Pläne stoßen nicht nur auf Zustimmung. Bild: KNA-Bild

"Ich kann von vorne beginnen"

Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die Afrikanische Union jüngst mit einem innerafrikanischen Freihandelsabkommen gemacht. Bis es in Kraft tritt, dauert es noch, aber die Hoffnungen sind groß.

Osman wird vielleicht nicht mehr erleben, dass ihr Heimatland Somalia einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Sie hofft einfach, dass sie mit Henna-Malerei und Frisieren den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder bestreiten kann.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich soweit komme", sagt sie. "Als ich aus dem Flüchtlingslager hierher zurückkam, habe ich jede Nacht befürchtet, dass die Kämpfe wieder losgehen. Ich war darauf vorbereitet, dass ich wieder fliehen muss. Aber Gott sei Dank ist es friedlich. Ich kann von vorne beginnen."

Und das am liebsten bald ohne fremde Hilfe.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. Juli 2019 um 22:15 Uhr.