Anschläge New York |

11. September 2001 So berichtete die ARD

Stand: 11.09.2011 11:52 Uhr

Die Anschläge vom 11. September waren ein für das noch junge 21. Jahrhundert beispielloses Verbrechen. Die Tragödie stellte die Berichterstatter vor eine bis dahin noch nicht dagewesene Herausforderung. tagesschau.de dokumentiert in Auszügen, wie die Tagesschau und die Tagesthemen am 11. September 2001 berichtet haben.

Der 11. September scheint zunächst das zu sein, was man im Redakteursjargon einen "nachrichtenarmen Tag" nennt: Die Querelen um den deutschen Verteidigungsminister Rudolf Scharping gehen in eine neue Runde - aber damit hat es sich auch schon. Die erste Meldung von einem Flugzeug, das einen der Türme des World Trade Center in New York getroffen haben soll, erreicht die Redaktionen um kurz vor drei Uhr Nachmittags: "World Trade Center brennt nach Aufprall von Flugzeug", meldet Reuters. Alle Redaktionen, auch die Tagesschau, gehen zu diesem Zeitpunkt von einem Unfall aus.

"Wir wissen nicht, was die Ursache dieses Unglücks oder dieses Anschlages war", so der damalige Washington-Korrespondent Claus Kleber in einer ersten Telefonschalte nach New York - wenige Minuten nachdem das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers eingeschlagen war.

Nur 17 Minuten später rast eine zweite Boeing den Südturm des Welthandelszentrums. Zu so früher Stunde war nur ein kleiner Teil der Büros belegt. 50.000 Menschen hätten in dem Gebäude gearbeitet, wäre es voll besetzt gewesen. Die ARD hat zu diesem Zeitpunkt keinen Fernseh-Korrespondenten in New York - Studioleiter Gerald Baars ist zu Dreharbeiten in Kanada. ARD-Hörfunkkorrespondent Thomas Nehls muss für die Fernsehkollegen einspringen. Stunden später schildert er Ulrich Wickert, wie er die Anschläge erlebt hat.

Nachdem die zweite Maschine im Welthandelszentrum eingeschlagen ist, ist klar: Dies kann kein Unfall sein. Die Behörden gehen jetzt von einem Anschlag aus. In New York spielen sich furchtbare Szenen ab. Verzweifelte Menschen springen aus den brennenden oberen Stockwerken des World Trade Center in den sicheren Tod.

Um 9:37 Uhr (Ortszeit) stürzt eine dritte Maschine in das US-Verteidigungsministerium in Washington. Die 59 Menschen an Bord der Maschine und 125 Mitarbeiter des Pentagon kommen ums Leben. Kurz darauf werden alle Flugzeuge im US-Luftraum angewiesen, sofort zu landen. Das Weiße Haus und das Kapitol in Washington werden evakuiert. Eine vierte entführte Maschine wird - dank des mutigen Einschreitens von Passagieren - nahe Pittsburgh zum Absturz gebracht. ARD-Korrespondent Claus Kleber kommentiert live die Bilder, die die Welt aus Washington erreichen.

In New York bricht knapp eine Stunde nach der Attacke der Südturm des World Trade Centers binnen zehn Sekunden zusammen - zahlreiche Rettungskräfte, die sofort zur Unglücksstelle geeilt waren, werden dabei getötet. "Ich war nie zuvor von einem Erdbeben bertroffen. Aber jetzt kann ich mir vorstellen, wie sich das anfühlt", erinnert sich eine Überlebende.

Eine knappe halbe Stunde später stürzt auch der Nordtturm zusammen - etwa 1400 Menschen sterben.

Um 10:28 Uhr (Ortszeit) - nicht einmal zwei Stunden nach dem Einschlag des ersten Flugzeuges - liegt das Wahrzeichen New Yorks in Schutt und Asche. Zu diesem Zeitpunkt ist noch völlig unklar, wie viele Menschen in den Trümmern den Tod gefunden haben. Doch New Yorks damaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani - permanent auf den Straßen der Stadt im Einsatz - bringt die Befürchtungen auf den Punkt, als er sagt: "Es werden mehr sein, als wir ertragen können."

Auf den Straßen von Manhattan bricht Panik aus, als sich gigantische Staubwolken durch die Straßen schieben. Kurz nach dem Zusammenbruch der beiden Türme ordnen die Behörden an, ganz Lower Manhattan zu evakuieren.

Am Abend versuchen die Tagesthemen eine erste Zusammenfassung der Katatrophe.

"Wir werden Euch finden" - US-Präsident Bush reagiert auf die Anschläge

US-Präsident George W. Bush besucht am 11. September eine Grundschule in Flordia, als ihn die Nachrichten aus New York erreichen. Zunächst gibt er nur ein kurzes Statement ab.

Anschließend verlässt Bush auf Rat seiner Sicherheitsberater den Bundesstaat mit unbekanntem Ziel. Er wird aus Sicherheitsgründen zu einer Luftwaffenbasis in Nebraska geflogen. Dort tritt er erneut vor die Presse und kündigt an, die USA würden die Täter gnadelos jagen. Wenig später machen die US-Ermittlungsbehörden den radikal-islamistischen Terroristen Osama Bin Laden und sein Terrornetzwerk Al Kaida als Verantwortliche für die Anschläge aus.

Am Abend kehrt Bush nach Washington zurück und wendet sich dort noch einmal an die Nation. "Solche Anschläge können Gebäude erschüttern, aber nicht das Fundament Amerikas", so der Präsident - und verspricht noch einmal, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei, so Bush, werde man nicht unterscheiden zwischen jenen, die die Verantwortung tragen und jenen, die den Attentätern geholfen haben.

"Die Welt wird nicht mehr die sein, die sie einmal war"

Weltweit verfolgen die Menschen fassungslos die Ereignisse an den Bildschirmen. Schock, Entsetzen und Trauer sind auch in Deutschland die vorherrschenden Reaktionen bei den Politikern, die kurz nach der Katastrophe vor die Kameras treten. Die Welt, so die nahezu einhellige Meinung, wird nach den Anschlägen nicht mehr die sein, die sie einmal war. Politiker in aller Welt versichern den USA ihre Solidarität - eine hilflos anmutende Geste angesichts der Katastrophe.

Bundeskanzler Gerhard Schröder tritt um 18 Uhr deutscher Zeit zum ersten Mal vor die Presse und versichert der USA Deutschlands Solidarität: "Das deutsche Volk steht in dieser Stunde, die so schwer ist für die Menschen in den Vereinigten Staaten, fest an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika."

In Brüssel versuchen EU und NATO fieberhaft, die unübersichtliche Lage zu analysieren. Neben der sicheren Identifikation der Täter ist die drängendste Frage: Wie wird Amerika auf die Anschläge reagieren?

In Russland verfolgen die Menschen ebenfalls mit Entsetzen die Ereignisse in New York und Washington. Präsident Wladimir Putin beruft eine Krisensitzung mit seinen wichtigsten Ministern ein, Teile der Streitkräfte werden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Zugleich fühlen sich die Russen in ihrem harten Kurs in Tschetschenien bestätigt.

Palästinenserpräsident Jassir Arafat spricht dem amerikanischen Volk sein Beleid aus. Viele seiner Landsleute sind geschockt - allerdings nicht alle. Die Radikalen feiern die Anschläge auf den Straßen der Städte im Westjordanland.

(Hinweis der Redaktion: Wie das ARD-Politmagazin Panorama unmittelbar nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 berichtete, waren die von Presseagenturen angeboteten Szenen junger jubelnder Palästinenser gestellt oder zumindest in einem falschen Kontext verbreitet worden.)