Giftiger Elektromüll in Ghanas Hauptstadt Auf dem Schrottplatz der Welt

Stand: 05.01.2013 14:33 Uhr

Elektroschrott aus aller Welt landet illegal auf einem riesigen Schrottplatz mitten in Ghanas Hauptstadt Accra. Kinder sammeln die letzten Reste verbrannten Metalls, um sie für wenig Geld zu verkaufen - mit katastrophalen Folgen für ihre Gesundheit. Eine Reportage vom schlimmsten Müllplatz Afrikas.

Von Alexander Göbel, ARD-Studio Nordwestafrika

Ein Berg von Glasscherben, alten Gefriertruhen, Kopiergeräten und Autobatterien - und mittendrin steht Peter, elf Jahre alt, mit Plastiksandalen und zerrissenem T-Shirt, direkt vor ihm eine riesige Wand aus dickem, schwarzem Qualm. Peter wirft die Reste einer Kühlschrankisolierung in die Flammen. Zusammen mit seinen Freunden verbrennt er DVD-Player und alte, zertrümmerte Bildschirme. Peter und die anderen wollen ran ans wertvolle Metall, das in den Geräten verarbeitet ist.

Kinder auf einem Schrottplatz in Ghanas Hauptstadt Accra. (Foto: Katrin Gänsler)
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Kinder riskieren auf dem Schrottplatz Agbobloshie ihre Gesundheit. (Foto: Katrin Gänsler)

Seine Beute versteckt Peter in einem Plastiksack: Platinen, Schrauben, Aluminium, Kupferdrähte - die könne er bei den Händlern hier verkaufen, sagt Peter mit rauer Stimme.

Die Kinder bekommen schlecht Luft und spucken Blut

Der Elfjährige zeigt seine von Glas und scharfen Metallkanten zerschnittenen Arme und Beine. Und er klagt über Kopfschmerzen. Wie extrem giftig die Dämpfe sind, die er jeden Tag einatmet, weiß er nicht. Er weiß nur, dass viele Kinder auf dem Schrottplatz deswegen keine Luft mehr bekommen und Blut spucken. Manche, erzählt Peter, hätten auch Probleme mit den Augen. Auch seine Geschwister arbeiten hier. Peters Mutter verkauft Süßigkeiten an der Straße. Wo sein Vater ist, weiß er nicht.

Was immer er verdient, will Peter seiner Mutter geben - und seine Schulbücher und den Lehrer bezahlen. Wenn er einen Cedi für seinen gesammelten Metallschrott bekommt, ist er zufrieden. Mit zwei Cedi - nicht einmal einem Euro - wäre er richtig glücklich.

"Der Rest der Welt darf nicht länger Vogel Strauß spielen."

Ein Junge transportiert Müll auf einem Schrottplatz in Ghanas Hauptstadt Accra. (Foto: Katrin Gänsler)
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Für wenig Kleingeld transportiert ein Junge Müll in Ghanas Hauptstadt Accra. (Foto: Katrin Gänsler)

"Für mich ist das alles nur noch schwer zu verstehen", sagt der Umweltaktivist Mike Anane. Es sei eben eine zynische, eine zerstörerische Logik: Niemand wolle giftigen Elektroschrott in seinem Garten. "Und dieses Zeug landet dann eben hier, wo niemand Fragen stellt", sagt Anane. Es sei ein Teufelskreis, der niemals ende.

Doch Europa und der Rest der Welt dürften nicht länger Vogel Strauß spielen und so tun, als wäre nichts, sagt Anane. "Jeder weiß, dass E-Waste illegal hierher gebracht wird. Und jeder weiß, dass Ghana keine Möglichkeiten hat, diesen Müll entsprechend zu entsorgen oder zu recyclen." Es ist eine moralische Frage, ob man den Schrott dann trotzdem hier herbringe. "Wenn Europa diesen Giftmüll nicht will, ist das eine Sache - aber dann sollte Ghana ihn nicht abbekommen."

Ein hoher Preis für ein bisschen Kleingeld

Anane schätzt, dass auf der Elektroschrott-Halde Agbobloshie mehr als 500 Kinder arbeiten. Er sammelt Beweise - dafür, dass seit Jahren tonnenweise Elektroschrott vor allem aus Europa und Amerika in den Containerhafen von Accra geliefert wird. Das Baseler Übereinkommen, das auch Deutschland unterschrieben hat, verbietet den Export von Technik-Müll aus Europa. Dennoch landen pro Monat rund 500 Container mit Elektrogeräten auf Agbobloshie. Als gebraucht deklariert, und damit völlig legal.

Manche Exporteure glaubten, sie würden den Afrikanern noch etwas Gutes tun, sagt Anane. Die Geräte würden als Second-Hand-Ware eingeführt, doch das meiste sei Schrott. Und im Hafen könne niemand die Geräte testen. Fakt ist: Die Händler machen auch mit kaputten Geräten ihr Geschäft. Und Kinder wie Peter fackeln sie ab. Sie verdienen ein bisschen Kleingeld. Doch sie zahlen dafür einen hohen Preis.

Dieser Beitrag lief am 24. Dezember 2012 um 11:46 Uhr im Deutschlandfunk.

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