Ein Tesla S steht auf einem Parkplatz in Oslo | Bildquelle: AFP

Elektroautos in Norwegen Vom Erfolg fast überrollt

Stand: 09.08.2018 22:11 Uhr

Dank massiver Förderung ist Norwegen ein Paradies für E-Autos. Inzwischen fährt fast jeder zweite Neuwagen ganz oder teilweise mit Strom. Doch die Erfolgsgeschichte bringt auch Probleme mit sich.

Es klingt anders, wenn Pierre seinen Wagen startet: Da brummt nichts, stattdessen kommt eine kleine Melodie. Lämpchen und Digitalanzeigen werden hell und bunt, und schon geht es los durch die Innenstadt von Oslo.

Pierre hat das "EL" auf dem Nummernschild, und das macht Autofahren in Norwegen so viel leichter. In der Stadt dürfen Elektroautos Busspuren benutzen, selbst in der Rushhour, wenn mindestens zwei Leute drin sitzen. Und auch dem Konto der Fahrer oder Fahrerinnen tut es sehr gut. "Wir zahlen keine Mehrwert- und weniger Kfz-Steuer", erzählt Pierre. "Wir parken kostenlos und auch den Strom gibt es umsonst, den spendiert die Stadt Oslo."

Erwartungen weit übertroffen

2012 hatte das durch Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung reiche Norwegen ein umfangreiches Förderprogramm aufgelegt. Bis Ende 2018 sollten 50.000 Elektrofahrzeuge auf den Straßen sein, so die Hoffnung. Aber schon heute sind es fast 200.000 voll- oder teilstromgetriebene Autos - vor allem aus Deutschland, aber auch aus Japan und den USA. Fast jeder zweite Neuwagen ist ein Hybridfahrzeug oder hat nur noch einen Elektromotor. Bis 2025 soll es gar keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr geben.

Christina Bu ist Generalsekretärin bei der "Norsk Elbilforening", dem Verband der Elektroautobesitzer. Sie war gleich begeistert vom staatlichen Förderprogramm und all seinen Privilegien. "Norwegen ist das erste Land der Welt, das die Anfangsphase der E-Mobility schon hinter sich hat", sagt sie. "Aktuell befinden wir uns in einem beginnenden Massenmarkt."

Ein Tesla S und ein Model X auf einem Parkplatz in Oslo. | Bildquelle: AFP
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Laut einer Studie des CAM-Instituts in Bergisch-Gladbach lag der Anteil der E-Autos an den Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2018 in Norwegen bei 46,6 Prozent.

Auf der Busspur ausgebremst

Und das hat Folgen: Nicht mehr alle Norweger teilen die Begeisterung von Bu. Die Kritik am E-Mobility-Förderprogramm wächst, vor allem wegen des unerwarteten Riesenerfolges und dessen Folgen. Es hat den Staat bislang mehrere 100 Millionen Euro gekostet. Aber die Quellen dieses Reichtums seien endlich, heißt es. Lange könne sich Norwegen eine so massive Förderung nicht mehr leisten.

Andere bemängeln, dass die Bevorzugung von E-Autos den Individualverkehr noch attraktiver macht und eben nicht den noch "grüneren" öffentlichen Nahverkehr. "Die Sache hat zwei Seiten", sagt ein Busfahrer in Oslo. Er sieht das Problem aus seiner ganz eigenen Sicht: Als jemand, der immer öfter E-Autos in "seiner" Spur hat, und zwar vor sich. "Ich bin natürlich für Umweltschutz. Aber wie umweltfreundlich ist es denn, wenn dieses Programm auch dazu beiträgt, uns hier auszubremsen?"

Auch andere Infrastruktur stößt an ihre Grenzen. Vor allem mit dem Bau öffentlicher und privater Ladestationen kommt man nicht mehr nach.

Förderung geht stufenweise zurück

Das alles ist inzwischen auch "oben" angekommen. Dort wird auf die Bremse getreten. "Die Regierung hat beschlossen, seit Anfang dieses Jahres wieder die halbe Kfz-Steuer zu verlangen und ab 2020 dann sogar den vollen Satz", erklärt Verkehrsforscher Erik Figenbaum. Auch der Zugang zu den Busspuren sei schon eingeschränkt worden, weil es dort etwas voll geworden sei. "Wir sollten schon aufpassen, dass es hier nicht irgendwann zu viele E-Autos gibt."

Nicht zu schnell jedenfalls, das könnte sicher auch Bu, die Elektro-Lobbyistin, unterschreiben. Aber grundsätzlich bleibt sie - und mit ihr die norwegische Regierung - beim Credo: "Die Ära der Verbrennungsmotoren ist in absehbarer Zeit vorbei. Gut, dass wir Norweger rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt haben."

Schließlich sei E-Mobility nicht die ferne Zukunft, sagt Bu. "E-Mobility passiert jetzt. So viele neue Arbeitsplätze können nicht nur mit dem Bau der Autos entstehen, sondern auch mit dem Aufbau und Unterhalt der Infrastruktur." Die Norweger könnten nicht ewig vom Öl leben.

Norwegens E-Mobility-Boom
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
09.08.2018 21:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 9. August 2018 um 17:20 Uhr.

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