T-Shirt mit einem Porträt des mexikanischen Drogenbosses "El Chapo" | AFP

Verehrung für gefassten Drogenboss Der Hype um "El Chapo" in Mexiko

Stand: 04.02.2016 01:53 Uhr

Viele Mexikaner verehren den jüngst gefassten Drogenboss "El Chapo" Guzmán. In dem Land ist eine regelrechte Chapomanie ausgebrochen. T-Shirts und andere Produkte mit seinem Bild verkaufen sich wie frischgebackene Tortillas.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

In Tepito, einem wegen großer Kriminalität verrufenen Marktviertel von Mexiko-Stadt, ist das Gesicht von Sinaloa-Kartell-Boss Joaquín Guzmán überall. Etwa auf Verpackungen raubkopierter Filme, auf Mützen und auf T-Shirts. "El Chapo"-Produkte verkaufen sich wie frischgebackene Tortillas: Der Super-Schurke als Präsident, als Heiliger oder mit dem Maschinengewehr auf der Jagd nach dem in Mexiko unbeliebten Donald Trump.

Anne-Katrin Mellmann ARD-Studio Mexiko City

Verknallter Drogenboss

Carolina, eine blondierte Mittvierzigerin, probiert ein T-Shirt. Darauf zu sehen: Das Gesicht der Schauspielerin Kate del Castillo. Auch sie hat an Popularität gewonnen, seitdem sie das Treffen des Drogenbosses "El Chapo" mit Hollywood-Star Sean Penn arrangiert hat.

Neben ihrem Gesicht ist der kürzlich veröffentlichte Chatverlauf aufgedruckt, in dem ihr der verknallte Drogenboss schreibt, er werde sie schützen wie seinen Augapfel. Carolina kauft das T-Shirt für rund sechs Euro: "Einfach nur weil es Mode ist, seit sie den Chapo geschnappt haben", erzählt die Frau. Ihr Tüten tragender Ehemann Victor betrachtet in der Zwischenzeit Shirts mit Al Capone und dem Paten und erläutert: "Über den Chapo freuen wir uns, weil er aus einem angeblich ausbruchsicheren Gefängnis entkam. Der Chapo ist intelligenter als die Regierung - die Korruption hat ihm geholfen", sagt er. "Wir mögen unsere Regierung nicht, auch weil die Politiker korrupt sind. Sie füllen sich die Taschen, wir werden immer ärmer. Klar, der Chapo ist ein Krimineller, aber schlauer als die Regierung."

Joaquin Guzman El Chapo

Der Drogenboss und die Schauspielerin. Dem Festgenommenen wird...

Schauspielerin Kate del Castillo

... eine Verehrung von Kate del Castillo nachgesagt.

Mehr Vertrauen in "El Chapo" als in die Regierung

Clever findet die Kundschaft den Kartellchef, mutig die Schauspielerin del Castillo, weil sie ihn öffentlich verteidigt. Sie vertraue eher dem Chapo als der Regierung, twitterte sie einst. Hinter vorgehaltener Hand erzählen Händler, der Chapo habe sich während seiner ersten Flucht vor etwa zehn Jahren einige Tage lang in Tepito versteckt.

Nicht nur hier - in ganz Mexiko gibt es eine Chapomanie. José Reveles, einer der angesehensten Journalisten, der ein Buch über "El Chapo" geschrieben hat, erklärt die Bewunderung für den Mafiaboss: "Ihm ist es gelungen, das Bild eines Robin Hood zu kreieren, eines Mannes, der den Armen hilft. Aber, wenn er Straßen gebaut hat, dann, weil er sie für sich brauchte", schränkt Reveles ein. "Die Menschen sind ihm dankbar für die Arbeit, die sein Kartell geschaffen hat. Sie sind schadenfroh, weil ihn die Regierung so lange nicht schnappen konnte. Wir erleben eine wirtschaftliche Krise, es gibt nicht genug Arbeit für junge Menschen, es gibt zu viel Gewalt und keine Gerechtigkeit. Da identifizieren sich die Leute mit dem Chapo, weil er der Regierung eins auswischt. Er wird zum Superhelden. Je schlechter es der Gesellschaft geht, umso mehr bewundert sie so einen Typen."

Chapo als Markenname geschützt

Dass er ein Verbrecher ist, werde ausgeblendet. Genauso wie die Tatsache, dass sein Sinaloa-Kartell verantwortlich für viele der 150.000 Gewaltopfer der vergangenen zehn Jahre ist. Auch Behörden scheinen das mitunter zu vergessen: Erst kürzlich konnten sich die Tochter Guzmáns, seine aktuelle und eine Ex-Ehefrau den Spitznamen Chapo ganz offiziell als Markennamen schützen lassen. Und in Tepito erzählt ein Verkäufer, dass derzeit sogar Bundespolizisten vorbei kämen, um Chapo-Shirts zu kaufen.

Dieser Beitrag lief am 04. Februar 2016 um 07:53 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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KOMMENTARE

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träumensollteerlaubtsein 04.02.2016 • 07:49 Uhr

@ MightyBo

Das Leben in Mx hat mich gelehrt, mich über nichts mehr aufzuregen. ;) Schön, dass Sie es so verstanden haben. "Viele" und "Hype" suggerieren nichtsdestotrotz einen falschen Eindruck. Zweifelsohne gibt es, insbesondere in den Nordstaaten, teilweise auch eine "Bewunderung" für und "Dankbarkeit" gegenüber den Kartellen. Diese sind leider bisweilen die Einzigen, die Brunnen, Straßen, Schulen, Krankenhäuser etc in abgelegenen Gemeinden finanzieren und somit auch (legale) Arbeit schaffen. Auch gilt, getreu alter Mafia-Tradition: "Verlierst du dein Leben arbeitend für mich, werde ich für deine Frau und Kinder sorgen." Den "Paten" gibt es auch hier. Um mit einem der vielen "Guzmán"-Witze zu schließen: "Wenn El Chapo und Pena Nieto bloß die Jobs tauschen würden, wären die Narcos umgehend am Ende und mit Mexico ginge es bergauf." Gruß aus Mx