Ältere Menschen warten in einem Impfzentrum in Köln.

Ein Jahr Corona-Impfung Nicht die Kurve gekriegt

Stand: 24.12.2021 11:09 Uhr

Vor rund einem Jahr wurde in Deutschland der erste Corona-Impfstoff verabreicht. Im Sommer war mehr als die Hälfte der Menschen immunisiert. Doch seitdem stagniert die Kurve. Ein Rückblick auf zwölf Monate Impfkampagne.

Von Jan Koch, WDR

Mitten in ihrem Zimmer steht ihr Esstisch, dekoriert mit einer weißen Weihnachtsdecke, kleinen Deko-Weihnachtsbäumchen und einigen offenen Briefen, Gruß- und Postkarten. An sie adressiert. An Gertrud Vogel, Kölns erste Geimpfte.

Jan Koch

Vor einem Jahr war der Seniorin klar, dass am Impfen kein Weg vorbeiführt. Auch deswegen hatte sich die heute 93-Jährige bereitwillig bei der Impfung von Journalisten und Kameras bei der Impfung beobachten lassen. Sie sagte damals in der tagesschau: "Nur so kriegen wir die Sache wieder in den Griff. Nur so können die jungen Menschen auch wieder leben, wie sie leben möchten.“ Mit diesem Satz macht sie auch einer Gruppe junger Studierender Mut, die ihr daraufhin schreiben. "Schauen Sie hier." Sie nimmt einen rosa Brief in die Hand und erzählt: "Diese Post ist von vier Studenten, die mir geschrieben haben, wie vorbildlich und schön sie das finden."

"Jetzt kommt die fünfte Welle"

Dass die Situation ein Jahr danach, nicht viel besser geworden ist, hat sie nicht erwartet. "Ich habe schon gedacht, es geht zu Ende. Eine Zeit lang sah es ja auch gut aus", sagt die Seniorin. "Aber jetzt geht das weiter. Jetzt kommt die fünfte Welle bald. Und die wird noch heftiger werden. Alles, was ich sehe, und ich höre vielen Wissenschaftlern zu im Fernsehen, ist, dass es besser ist, wenn fast alle geimpft sind."

Gut ein Viertel ist bis heute aber noch nicht geimpft. Sie sind skeptisch. Impfen ist wohl das Streitthema in diesem Corona-Jahr. Auch jetzt, obwohl mit der Omikron-Variante eine neue Herausforderung auf die Gesellschaft wartet.

Wie für Gertrud Vogel war für die Mehrheit der Deutschen schnell klar, dass sie sich impfen lassen. Ende August waren gut 60 Prozent aller Deutschen vollständig geimpft, hatten eine Erst- und Zweitimpfung erhalten. Doch seitdem stagniert die Kurve. Und so sind es auch dieses Jahr Weihnachten nur etwas mehr als 70 Prozent, die nach Zahlen der Bundesregierung den vollen Impfschutz haben.

Streit um Impfsicherheit

Es sind im Frühjahr Diskussionen über die Impfsicherheit, vor allem hinsichtlich des Impfstoffs AstraZeneca, die Zweifel streuen. Für wen ist der Impfstoff sicher, für wen nicht? Welche Altersgruppe darf hiermit geschützt werden? Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schafft es nicht, Ruhe in die Diskussion zu bringen. Immer neue Richtlinien, wer womit und wann geimpft werden darf, verunsichern die Bevölkerung. Und führen dazu, dass die Deutschen bis heute sehr klar zwischen den Impfstoffen unterscheiden. Die Präferenz ist klar: lieber BioNTech als irgendetwas anderes. Mittlerweile ist AstraZeneca aus der deutschen Impfkampagane quasi verschwunden.

Auch zögerliche Ansagen der Ständigen Impfkomissionen über die Impfung für Kinder und Jugendliche, heizen die Diskussionen über Impfungen in Deutschland an. Man will auf Nummer sicher gehen, entscheidet langsamer als andere Staaten wie Israel oder auch die USA. Und die Impfkampagne verliert immer mehr an Fahrt.

Heute bemängeln viele Impfexpertinnen, Virologen und Ärzte, die Kommunikation hätte klarer und konsequenter sein können. Einer von ihnen ist der leitende Impfarzt von Köln, Jürgen Zastrow, der allerdings auch sagt: "Heute haben wir ein anderes Wissen als zu Beginn der Pandemie und Impfkampagne. Und das ist auch gut so. Das muss man einem System zugestehen, dass es anfangs auch Fehler machen darf. Schlimm wird es nur dann, wenn man aus den Fehlern nicht lernt."

30 Millionen Boosterimpfungen bis Jahresende

Mittlerweile befindet sich Deutschland in der vierten Welle. Ziel bis Ende des Jahres sind 30 Millionen Boosterimpfungen an die Leute zu bringen. Es soll leichter werden, an eine Impfung zu kommen: Gespritzt wird in Apotheken, Schulen oder auch Moscheen und Kirchen. Das soll es einfacher und unkomplizierter machen - vor allem den Zögerlichen. Die Bundesregierung betonte erst auf einer der letzten Ministerpräsidentenkonferenzen, dass dies ein wichtiger Weg sei, um nicht nur eine höhere Impfquote, sondern so auch einen Weg heraus aus der Pandemie zu finden.

Impfzentren wie sie zu Beginn des Jahres in vielen Regionen und Städten Deutschlands zu finden waren, gibt es mittlerweile nicht mehr, doch zentrale Impfstellen sind in einigen Orten wieder eingerichtet worden. Jürgen Zastrow leitete das Zentrum in Köln. Sein Blick zurück: "Das Impfen war eine Erfolgsgeschichte, was das Angebot angeht. Bei der Nachfrage hätte ich mir mehr gewünscht. Dann wären wir viel weiter."

Impfpflicht im Frühjahr?

Auch deswegen debattiert Deutschland über eine Impfflicht. Bundeskanzler Olaf Scholz will im Bundestag darüber abstimmen lassen. Und zwar schnell: Zunächst war von März, und jetzt von Februar die Rede. Andere Länder haben es bereits vorgemacht. In Österreich gilt die Impfpflicht beispielsweise schon ab Februar 2022. Ein Schritt, der Proteste auslöst, eine laute Minderheit geht dagegen nicht nur in Österreich, sondern auch hier auf die Straße.

Am Mittwoch waren es Tausende, die in der bayrischen Landeshauptstadt München protestierten. Doch Experten sehen keinen anderen Weg mehr, so wie Impfarzt Jürgen Zastrow: "Es geht nicht ums Impfen, es geht mittlerweile um fundamentalistische Widerstände gegen jede Form von Obrigkeit. Ob das Ärzte, Wissenschaftler oder Politiker sind. Das werden wir auch nicht wegdiskutieren können. Das müssen wir wegregeln", meint er. "Deshalb brauchen wir jetzt die Impfpflicht und eben nicht erst im März."

Vierte Impfung möglich

Im kommenden Jahr wird es aber nicht nur um eine Impfpflicht, sondern auch um eine mögliche vierte Impfung gehen. Gesundheitsminister Lauterbach geht jedenfalls davon aus, dass die Omikron Variante eine weitere Auffrischung mit angepasstem Impfstoff notwendig macht.

Gertrud Vogel, die Kölner Seniorin, würde auch eine vierte Impfung in Kauf nehmen. Seit Oktober ist sie bereits geboostert. Denn die jetzt 93-Jährige hat noch ein klares Lebensziel: "Ich möchte, dass die Welt in Ordnung ist, bevor ich gehe, bevor ich hier in Ruhe sterben darf."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 23. Dezember 2021 um 21:45 Uhr.