Rodrigo Duterte | Bildquelle: REUTERS

Ein Jahr Duterte im Amt "Ich werde sie abschlachten"

Stand: 22.07.2017 13:36 Uhr

Ein Jahr ist Rodrigo Duterte jetzt im Amt - und die Zustimmungsraten der philippinischen Präsidenten sind immer noch sensationell. Die Welt fragt sich: Warum ist das trotz aller Gewaltextesse in dem Land so?

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Südostasien

"Die Kampagne gegen Drogen geht weiter, viele werden getötet, bis der letzte Dealer von der Straße verschwindet." - Rodrigo Duterte hatte in seinen Jahren als Bürgermeister von Davao die Metropole im Süden von der Verbrechenshauptstadt zu einem sicheren Ort gemacht, so behauptet er; und das wollte er auch mit den ganzen Philippinen machen.

"Ich wusste, dass das, was in Davao passiert, sich hier wiederholen würde", erzählt Vater Amado Picardal, ein erklärter Gegner Dutertes: 16 Jahre lang sah er als Priester in Davao, wie die Stadt erbarmungslos "gesäubert" wurde: "Eine Frau verlor durch die Todesschwadronen vier Söhne, und ich habe sie beerdigt." Duterte habe selbst gesagt: "Hier gibt es 1000 Tote; wenn ich Präsident bin, werden es 100.000 sein." Picardal mein: "Sein Handeln ist ein lokales Problem, das jetzt ein nationales geworden ist."

Alles nur Fake News?

Bis zu 9000 Tote gab es bisher in Dutertes Krieg gegen Drogen - durch die Polizei oder durch Todesschwadronen im Auftrag der Polizei. Menschenrechtsorganisationen sind empört, Angehörige gehen auf die Straße, ein philippinischer Anwalt hat jetzt Klage gegen Duterte vor dem Internationalen Strafgerichtshof eingereicht - wegen Massenmords und Verbrechen gegen die Menschheit.

Alles Fake News, sagte gestern noch ein philippinischer Senator vor der UN-Menschenrechtskommission: Es gebe keine neue Welle von unrechtmäßigen Tötungen. Unter den bisherigen Regierungen habe es 11.000 bis 16.000 solcher Tötungen gegeben.

Der philippinische Präsident Duterte schaut durch das Zielfernrohr eines Scharfschützengewehrs aus chinesischer Produktion. | Bildquelle: AP
galerie

Der philippinische Präsident Duterte schaut durch das Zielfernrohr eines Scharfschützengewehrs aus chinesischer Produktion. Kurz zuvor hatten chinesische Frachtmaschinen die Gewehre und Munition eingeflogen - ein Geschenk für den Kampf gegen den "Terrorismus und Piraterie".

"Er räumt auf"

Wer nicht direkt betroffen ist oder aber von außen auf das Land sieht, unterstützt Dutertes Kurs. In ärmeren Vierteln der Hauptstadt Manila genauso wie in schicken Shoppingtempeln, von Gastwirten bis zu Professorinnen: "Er räumt mit Kriminellen auf und legt die korrupten Polizisten lahm", heißt es da.

Jobs schaffen, die Philippinen von einem Manila-zentrierten unregierbaren Konstrukt zu einer föderalen Republik umbauen, mit der Korruption der alten Politiker-Elite aufräumen - all das erreiche Duterte, meinen Anhänger: "Er macht es genau richtig, vor allem was die Drogensüchtigen betrifft. Was auch immer die anderen Länder sagen: Ich bin froh darüber. Es ist nicht perfekt, aber die Situation erfordert solche Maßnahmen."

Solche Maßnahmen, das heißt: quasi hingerichtete Menschen in ihrem eigenen Blut auf der Straße, die auf einer sogenannten Todesliste standen - Drogensüchtige, Kleindealer, oft noch Jugendliche.

Toter nach einer Anti-Drogen-Operation in Manila | Bildquelle: REUTERS
galerie

Bis zu 9000 Tote gab es bislang in Dutertes Kampf gegen Drogen.

Wir Kakerlaken vernichtet?

Man könne sie doch nicht wie Kakerlaken vernichten, sagen Teilnehmer eines Reha-Programms. Sie haben sich gestellt und wollen clean werden: "Ich tue das, um meiner Familie zu zeigen, dass ich mich ändern kann. Ich möchte meinem Kind zum Schulabschluss schenken, dass ich nicht mehr auf der Todesliste stehe."

Aber was dann? Drogenkriminalität ist nur ein Symptom, erzählt Gefängnisinspektor Jayrex Joseph Cabral Bustinera. Von den Insassen in seinem Gefängnis in Quezon City haben 86 Prozent keinen ordentlichen Schulabschluss, keine mittlere Reife oder sogar keinen Grundschulabschluss, sie können keinen Lebensunterhalt verdienen. "Was erwarten Sie von ihnen?", fragt er. "Das Gefängnis spiegelt wirklich die Gesellschaft draußen wieder. Die Drogen sind nicht das Problem - sondern schlechte Bildung und fehlende Existenzgrundlagen."

"Ich will die nächste Generation retten"

Duterte geht umgekehrt vor: erst Kriminalität ausräumen, dann kommt der Rest. "Hitler hat drei Millionen Juden getötet. Es gibt drei Millionen Drogenkriminelle hier. Ich werde sie liebend gern abschlachten", zog er einen drastischen Vergleich mit falschen Zahlen. "Ich will das Problem meines Landes ausräumen und die nächste Generation retten."

Für Vater Amado Picardal ein klarer Fall von Messias-Komplex: "Er denkt, er sei ein Instrument von Gottes Strafe, oder er sei Gott selbst. Es geht um Macht - er identifiziert sich als die Philippinen. Es geht also um ihn allein, und das ist sehr gefährlich."

Darstellung: