Proteste Niederlande wegen Ausgangssperre | dpa

Krawalle in den Niederlanden "Davor hatten wir doch alle Angst"

Stand: 26.01.2021 14:39 Uhr

Fassungslosigkeit in den Niederlanden: Bei Protesten in der dritten Nacht in Folge haben Gewalttäter auch Krankenhäuser angegriffen. Viele wurden festgenommen. Doch es gibt auch Kritik an den Behörden.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Der Drogerieladen, der Supermarkt, das kleine Café - bei fast allen Geschäften und Lokalen in der Visstraat in 's-Hertogenbosch sind die Fenster und Türen eingeschlagen. Freiwillige Helfer kehren die Scherben zusammen und beseitigen die Trümmer, die eine Meute von etwa 80 überwiegend jugendlichen Randalierern hinterlassen hat.

Ludger Kazmierczak ARD-Studio Den Haag

Wenig Verständnis bei Anwohnern

Die Bewohner sind entsetzt und wütend. "Ich finde das skandalös. Diese Leute haben keinen Verstand. Dass sie ihre Freiheit wollen, okay, das will ich auch, aber nicht so."

Auch in Rotterdam und zehn weiteren Städten kam es gestern Abend zu schweren Ausschreitungen. Gewaltbereite Randalierer steckten Autos, Fahrräder und Bushaltestellen in Brand, sie plünderten Geschäfte und attackierten die Polizei mit Feuerwerkskörpern und Steinen. Zehn Einsatzkräfte wurden bei den Krawallen verletzt. Landesweit gab es 184 Festnahmen.

Zu lasche Vorkehrungen?

Während in Rotterdam Wasserwerfer im Einsatz waren, um den wütenden Mob auseinanderzutreiben, habe es in 's-Hertogenbosch an allem gefehlt, beklagt Monique de Klein, die Sprecherin des örtlichen Einzelhandelsverbandes: "Warum haben Sie die Horde überhaupt in die Innenstadt gelassen? Davor hatten wir doch alle Angst. Wo waren bitte die Hundertschaften und die Wasserwerfer? Mein Gefühl sagt mir, dass nicht genügend Vorkehrungen getroffen wurden - oder wenn, dann zu spät."

Niemand will verantwortlich sein

Die Kritik gilt dem Bürgermeister, der die Schuld sofort weitergibt. Die mobile Einsatztruppe, die er angefordert habe, sei zu spät eingetroffen, sagt Jack Mikkers. Die Polizei gebe ihr Bestes, könne aber nicht überall sein. Ähnlich sieht das Hubert Bruls, der Bürgermeister von Nimwegen und Vorsitzende des Sicherheitsrates der Kommunen: "Es werden Leute festgenommen, zurückgedrängt und weggeschickt, aber völlig verhindern kannst du das nicht. Wenn Menschen Böses wollen, dann passiert das auch. Und wir können froh sein, dass es sich in vielen Orten im Rahmen gehalten hat."

Corona-Testzentrum in Brand gesetzt

Seit Samstag hat die Meute in mehr als 20 niederländischen Städten zugeschlagen. In Urk am Ijsselmeer wurde dabei ein Corona-Testzentrum in Brand gesetzt. In Enschede und Den Bosch versuchten die Randalierer auch die Krankenhäuser zu stürmen oder zu beschädigen.

Die meisten Aktivisten sind Jugendliche oder junge Erwachsene. Von den 52 Festgenommenen in Den Bosch seien die meisten jünger als 25, melden die Behörden. 15 von ihnen befinden sich noch in Polizeigewahrsam.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Januar 2021 um 12:00 Uhr.