Klonschaf Dolly | picture-alliance/ dpa

Gentechnik Und dann kam Dolly

Stand: 12.09.2019 03:58 Uhr

Vor 20 Jahren diskutierte die ganze Welt über Dolly: Das erste Klonschaf war Symbol für die Macht der Gentechnik und entzündete eine Debatte über Wissenschaftsethik. Was ist aus den Horrorvisionen und den Hoffnungen von damals geworden?

Von Anette Schmaltz, NDR

Die ersten acht Monate ihres Lebens verbrachte Dolly als das am besten gehütete Geheimnis in Edinburgh. Das Forscherteam um Ian Wilmut am Roslin Institute wollte ganz sicher sein, dass ihnen wirklich eine Sensation gelungen war: Der erste Klon eines Lebewesens aus den ausdifferenzierten Zellen eines erwachsenen Tieres.

Dolly hat keinen Vater, aber drei Mütter. Aus einer Euterzelle der genetischen Mutter entnahmen die Wissenschaftler das Erbgut und pflanzten es in die entkernte Eizelle eines zweiten Schafs ein. Eine Leihmutter trug den so entstandenen Embryo aus. 277 Versuche brauchten sie, nur ein einziges Mal klappte es.

"Mit Dolly ist ein Dogma gekippt"

Von dem Moment an, als Dolly am 23. Februar 1997 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, erhitzte sie die Gemüter. Für die Einen verkörperte sie die Hoffnung auf neue Heilmethoden und den Traum, eines Tages Organe aus geklonten Zellen züchten zu können. Für die anderen war Dolly der personifizierte Sündenfall, ein erster Prototyp für menschlichen Klonarmeen.

Klonschaf Dolly | picture-alliance / dpa/dpaweb

Das Klonschaf Dolly hat keinen Vater, dafür drei Mütter. Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Selbst Fachleute waren von dem Erfolg des Experiments überrascht, erinnert sich Eckhard Wolf vom Genzentrum der Universität München: "Mit Dolly ist ein Dogma gekippt." Denn bis dahin hatte man angenommen, dass die Differenzierung von Zellen eine Einbahnstraße sei. Nun war es gelungen, eine differenzierte Gewebezelle des Schafseuters so umzuprogrammieren, dass sich aus ihr nicht nur spezialisierte Euterzellen, sondern ein komplettes, lebensfähigen Tier entwickeln konnte - eine bahnbrechende Entdeckung.

Horrorvisionen haben sich nicht erfüllt

20 Jahre später ist es ruhiger geworden um das Klonschaf Dolly. Das mag daran liegen, dass sich Horrorvisionen von in Serie produzierten menschlichen Klonen nicht erfüllt haben. Es wäre zwar denkbar, nach dem Dolly-Prinzip menschliche Klone, beispielsweise für Ersatzorgane zu erzeugen. Regine Kollek, Professorin für Technologiefolgeabschätzung der modernen Biotechnologie an der Uni Hamburg, die selbst lange Mitglied im Deutschen Ethikrat war, hält das allerdings für unwahrscheinlich. "Wie soll das in der Praxis gehen? Die Vorstellung, menschliche Embryonen als Organlieferanten heranwachsen zu lassen, ist absurd."

Dollys Erben

Klontechnik lohnt sich heute vor allem für die Rinderzucht: In den USA und China ist das Klonen von preisgekrönten Zuchttieren inzwischen ein lukratives Geschäft. In Südkorea versprechen findige Geschäftsleute gar, ein geliebtes Haustier posthum wieder auferstehen zu lassen - bei einem Preis von mehr als 70.000 Euro pro Tier kommt das aber wohl nur für die wenigsten in Frage.

Klonschaf Dolly | picture alliance / Daniel Kalker

Das Klonschaf Dolly kann auch heute noch besucht werden, ausgestopft im National Museum of Scotland. Bild: picture alliance / Daniel Kalker

Aber auch in der Forschung ist Klonen noch immer eine wichtige Technik, das betont auch Tiermediziner Eckhard Wolf. Auf Dolly folgten geklonte Mäuse, Rinder, Schweine und Ziegen. Wolfs Interesse liegt jedoch gar nicht darin, eine Herde identischer Klon-Tiere herzustellen. Mit der Dolly-Methode lassen sich auch genetisch veränderte Tiere mit ganz bestimmten Eigenschaften erschaffen. So erforscht er beispielsweise an geklonten Schweinen, denen eine Mukoviszidose-verursachende Genmutation eingepflanzt wurde, Krankheitsverläufe und die Wirkung von Medikamenten.

Das Klonschaf alterte schnell

Das Klonschaf gilt darüber hinaus als Wegbereiterin der Stammzellenforschung. Inspiriert von Dolly entwickelte der Japaner Shinya Yamanaka 2006 ein Verfahren, mit dem sich differenzierte Körperzellen in sogenannte "induzierte pluripotente Stammzellen" umprogrammieren lassen, und zwar ganz ohne komplizierten Kerntransfer und die mit der Klontechnik verbundenen ethischen Probleme. Ein Erfolg, der Yamanaka 2012 den Nobelpreis bescherte.

Shinya Yamanaka | picture alliance / Kyodo

Shinya Yamanaka bekam für seine von Dolly inspirierte Forschung 2012 den Nobelpreis. Bild: picture alliance / Kyodo

Dolly bekam sechs Lämmer, aber schon mit drei Jahren litt sie an Arthritis im Hinterbein, eine typische Alterserkrankung. Ihr früher Tod mit nur sechs Jahren brachte Dolly noch einmal auf die Titelseiten der internationalen Presse. Ihr Körper wurde ausgestopft und ist bis heute ein Publikumsmagnet im National Museum of Scotland.

Über dieses Thema berichtete DRadio Wissen am 05. Juli 2016 um 19:01 Uhr

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
harry_up 23.02.2017 • 08:34 Uhr

Ich widerspreche Frau Kollek.

Dass Frau Kollek als Mitglied im Ethikrat skeptisch ist und sich menschliche Embryonen als Organlieferanten nicht vorstellen mag, ist eher als Wunsch denn als Überzeugung zu verstehen. Wie oft schon wurden unvorstellbare Fantasien höchst an- und unfassbare Realität; nicht nur Orwell lässt grüßen. Da wurde auf Ethik gepfiffen.