Der Stadtteil Sur von Diyarbakir | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto

Metropole Diyarbakir Kein Platz mehr für die Armen

Stand: 01.12.2018 09:06 Uhr

Mit großem Aufwand wird die kurdische Metropole Diyarbakir im Südosten der Türkei wieder aufgebaut. Doch für viele dürfte der Einzug in die neuen Häuser ein Traum bleiben.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Diyarbakir ist eine lebendige, dicht besiedelte Stadt. Doch hinter einem durch Panzerfahrzeuge gesicherten Checkpoint beginnt eine andere Welt: Eine Wüste aus Matsch. Rund 4000 Häuser wurden im Altstadtbezirk Sur zerstört, ihre Bewohner vertrieben. Neu aufgebaut wurde bisher nur eine kleine Siedlung.

Niemand öffnet die Tür, denn alle Häuser sind noch unbewohnt. Zum einen, weil es noch verboten ist, dieses Gebiet zu betreten. Denn laut Stadtverwaltung werden immer noch vereinzelt Sprengsätze entschärft.

Der Stadtteil Sur von Diyarbakir | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Wohnhäuser, die in Sur wieder aufgebaut werden, erstrahlen in neuem Glanz.

Zum anderen werden nur die wenigsten der alten Bewohner nach Sur zurückkommen - obwohl es ihnen frei stünde, sagt der Bürgermeister von Sur, Abdullah Ciftci: "3200 Familien haben Anspruch auf Entschädigung. Es gibt drei Möglichkeiten. Entweder ein neues Haus, in dem Viertel, in dem sie gewohnt haben, eine Wohnung der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft Toki außerhalb von Sur oder eine finanzielle Entschädigung." Aber nur 800 Familien hätten sich entschieden, nach Sur zurückzukehren.

"Unterstützung vom Staat nur unregelmäßig"

Fatma würde mit ihrem Mann und den fünf Kindern gerne in ihre alte Nachbarschaft zurückkehren. Seit sie vor zwei Jahren vor den Kämpfen in ein anders Viertel geflohen sind, wohnen sie zu siebt in zwei Zimmern. Nun kommt sie gerade nach Hause zurück.

"Ich war auf der Suche nach Brot. Manchmal haben wir kein Geld, denn Unterstützung vom Staat bekommen wir nur unregelmäßig", erzählt sie. "Ich habe deshalb in Bäckereien nach Brotresten gefragt. Aber sie hatten keine."

Bis dahin gibt es nichts zu essen. Doch das ist nur ein Problem.

Der Stadtteil Sur von Diyarbakir | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Frauen beim Einkaufen in Sur (Archivbild aus dem März 2018).

Neue Wohnungen zum stolzen Preis

Fatma und ihr Mann sind seit den Kämpfen in ihrem alten Stadtviertel traumatisiert. Die Bilder, als damals ihre Nachbarin Melek getötet wurde, holten sie immer wieder ein, sagt die Endreißigerin: "Ich saß mit anderen Frauen und Kindern gerade beim Frühstück, da wurde Meleks Kopf von einem Geschoss getroffen. Ihr Gesicht wurde vor meinen Augen in Stücke gerissen."

Wer den tödlichen Schuss abgab - die Aufständischen oder die Sicherheitskräfte - wurde nie geklärt. Trotz dieser Erinnerungen würde Fatmas Familie gerne wieder an den früheren Wohnort zurückkehren. Doch alte Häuser stehen dort nicht mehr und die neu gebauten sind für sie viel zu teuer.

Die günstigsten kosten umgerechnet etwa 85.000 Euro. Für ihr altes Haus hat die Familie aber nur etwa 7000 Euro Entschädigung erhalten.

Den stolzen Preis für die neuen Häuser in Sur erklärt Bürgermeister Ciftci mit der historischen Bedeutung des fünf Jahrtausende alten Siedlungsgebietes: "Es gibt Auflagen der Denkmalschutzbehörde. Die Häuser dürfen nur zwei Stockwerke haben und sie sollten aus dem typischen Basaltstein gebaut sein", sagt er. Um die Kosten niedrig zu halten, habe man nur die Fassaden mit Basalt verkleidet - sonst wären die Häuser doppelt so teuer geworden.

Der Stadtteil Sur von Diyarbakir - zerstörte Moschee | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Die zerstörte Moschee von Sur ist eingerüstet - auch sie soll wiederaufgebaut werden.

Trotz Mietzuschuss kaum Geld für Essen

Wer dort einziehen soll, ist trotzdem ein Rätsel. Fatma und ihre Familie jedenfalls nicht. Sie haben sich wohl oder übel für eine Wohnung der staatlichen Baugesellschaft Toki am anderen Ende der Stadt entschieden. Dort müssen sie 58.000 Lira dazu zahlen, also etwa 10.000 Euro - als Kredit mit langer Laufzeit. Dafür haben sie dann drei Schlafzimmer.

Freuen könne sie sich auf das neue Zuhause aber nicht, sagt Fatma: "Das Leben wird dort schwieriger. Dinge wie Eier oder Käse kann hier ich in den kleinen Läden auch mal später bezahlen. Das wird in dem Neubaugebiet nicht gehen. Dort gibt es nur Supermärkte."

Diesen Befürchtungen stellt Ciftci die Qualität der neuen Häuser gegenüber. Und er betont, was der Staat bisher an Hilfe für Familien geleistet habe, nachdem er deren Häuser dem Erdboden gleich gemacht hat.

"Der Staat hat ihnen drei Jahre lang monatlich Tausend Lira Mietzuschuss gezahlt, obwohl die meisten Mieten günstiger sind. Das ist soziale Fürsorge", meint er.

Die neuen Wohnungen seien besser, komfortabler und gesünder als ihre alten Häuser in Sur. 

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Besuch der historischen Stadtmauer von Diyarbakir im Oktober 2018. | Bildquelle: AP
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Besuch der historischen Stadtmauer von Diyarbakir im Oktober 2018.

Das neue Diyarbakir: "Von überall überwacht"

Ciftci gehört Erdogans Partei AKP an und kam erst vor Kurzem ins Amt. Sein gewählter Vorgänger von der pro-kurdischen Partei HDP war per Dekret abgesetzt worden.

Unruhen wie vor drei Jahren, werde es in Sur nicht mehr geben, ist sich Ciftci sicher - auch aufgrund der staatlichen Wohnungsbaupolitik. "Mit den neuen Häusern kommen auch andere Leute hierher. Es entsteht eine neue Stadt und sie wird stets unter Kontrolle sein. Auch, weil sie von überall her überwacht wird", sagt er.

Aufstände der Armen und Hoffnungslosen wird es in Sur nicht mehr geben. Schon allein, weil sie es sich nicht leisten können, dort zu leben.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 25. November 2018 um 16:30 Uhr.

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