Kommentar

Deutsch-amerikanische Beziehungen Hoffen auf bessere Zeiten

Stand: 31.05.2019 18:24 Uhr

Trotz der Alleingänge der USA sollte Berlin sich nicht stärker distanzieren. Nun geht es darum, Schlimmeres zu verhindern - und auf die Nach-Trump-Ära zu setzen.

Ein Kommentar von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Keine Frage: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen waren zumindest auf Regierungsebene schon mal deutlich besser. Die Politik von US-Präsident Donald Trump ist in vielen Punkten eine Kampfansage an jahrzehntelange Grundsätze transatlantischer Politik. Trump setzt auf nationale Alleingänge anstelle multilateraler Zusammenarbeit. Er hat mühsam erarbeitete Verträge wie das Klimaschutzabkommen und den Iran-Atomdeal gekündigt. Er überzieht andere Länder mit Zöllen statt sich wie fast all seine Amtsvorgänger für einen Abbau protektionistischer Handelshemmnisse einzusetzen.

Und Trumps "America First!" nimmt selbst auf die Bündnispartner keine Rücksicht. Die Europäische Union sieht er als Vehikel Deutschlands, um Europa zu dominieren. Verständlich, wenn manche Deutsche sagen: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Wichtigster Partner außerhalb Europas

Wäre es also an der Zeit, dass sich Deutschland stärker von den USA distanziert? Nein - das wäre ein schwerer Fehler. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas haben Recht, wenn sie betonen, dass Amerika außerhalb Europas der wichtigste Partner Deutschlands ist. Und es ist gut, dass sie bei allen aktuellen Differenzen immer wieder an die gemeinsamen Werte und das Verbindende erinnern.

All jenen allerdings, die immer noch behaupten, Trumps Politik sei doch gar nicht so schlimm, sei gesagt: Wacht endlich auf! Einen größeren Bruch mit jahrzehntelangen Traditionen amerikanischer Politik hat es seit der isolationistischen Phase vor 100 Jahren nicht mehr gegeben. Deshalb geht es nun darum, Schlimmeres zu verhindern und die deutsch-amerikanischen Beziehungen über die Trump-Ära hinüberzuretten.

Die Chancen dafür sind besser, als viele glauben: In Deutschland wird oft übersehen, dass Trumps Politik nur von einer Minderheit der Amerikaner unterstützt wird. Die Mehrheit der US-Bevölkerung lehnt Trumps Alleingänge ab. Davon zeugen zum Beispiel die begeisterten Reaktionen auf Merkels Rede an der Harvard-Universität - auch wenn das Ostküsten-Publikum sicher nicht repräsentativ für Amerika ist. Dennoch stimmt es es zuversichtlich, dass in Umfragen unter US-Bürgern das Ansehen Deutschlands seit dem Irak-Krieg kontinuierlich gestiegen ist.

Auch Trumps Kritik trifft zu

Aber auch die Bundesregierung hat zu einer Verschlechterung der deutsch-amerikanischen Beziehungen beigetragen. Kein Amerikaner kann mehr verstehen, warum es eine reiche Nation wie Deutschland nicht schafft, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für die gemeinsame Verteidigung auszugeben. Trumps Kritik am Trittbrettfahrer Deutschland trifft durchaus zu.

Und dass Deutschland die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 ohne Rücksicht auf massive Proteste der Ukraine und der Osteuropäer vorangetrieben hat, sorgt in den USA parteiübergreifend für Empörung. Sanktionen gegen die beteiligten Firmen sind mehr als wahrscheinlich.

Fazit: Trotz Trump und vieler aktueller Streitpunkte bleiben die deutsch-amerikanischen Beziehungen enorm wichtig. Unter den Menschen beider Länder überwiegen ohnehin die Gemeinsamkeiten. Wenn man ehrlich, aber respektvoll miteinander umgeht, kommen auch wieder bessere Zeiten.

Trotz aller Differenzen - Amerika ist mehr als Trump
Martin Ganslmeier, ARD Washington
31.05.2019 17:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 31. Mai 2019 um 18:30 Uhr in der Sendung "Echo des Tages".

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